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Disko-Prozeß vertagt

Extra-Verteidiger wollen noch Akten lesen - Befangenheitsanträge

Koblenz. SZ. Der "Extra"-Prozeß vor dem Koblenzer Landgericht: Kaum eröffnet, wurde er gestern noch vor der Verlesung der Anklage um eine Woche vertagt. Erst fehlten die Schöffen. Dann zwangen Anträge und Mängelrügen der Verteidigung die 9. große Strafkammer zur "Bedenkzeit".

Hauptangeklagter ist der ehemalige Betreiber der Koblenzer Großdisco, Heinz-Josef Weisbarth (53). Vor allem ihm, aber auch vier von seinen Mitarbeitern wird unter anderem vorgeworfen, sie hätten von 1993 bis zur vorläufigen Schließung im Mai 1995 nicht genug getan, um die Entwicklung des "Extra" zum Drogenumschlagplatz zu bekämpfen. Die Techno-Szene sei ohne Rücksicht gefördert worden.

Hilfsschöffen herbeigeholt

Weil die beiden eingeplanten Schöffen nicht erschienen waren, begann die Hauptverhandlung eine Stunde später - als die Hilfsschöffen herbeigeholt waren. Ein Grund, warum die Besetzung des Gerichts von den Verteidigern gerügt wurde.

Die Auswahl der neuen Schöffen sei nicht vorschriftsmäßig erfolgt. Der Vorsitzende Richter Theo Alsbach habe mitgewirkt, als vor einiger Zeit über die Haftfortdauer eines Angeklagten entschieden worden sei. Auch sei ein mehr oder weniger "abhängiger Berichterstatter" bestimmt worden.

600 Seiten Akten und 200 Tonbänder

Mit der Unterstützung seiner Kollegen stellte die Weisbarth-Verteidung den Antrag, das Hauptverfahren auszusetzen. Begründung: Sie müßten die noch nicht zugestellten über 600 Seiten starken Akten prüfen können. Gleiches gelte für die 200 Tonbänder der Telefonüberwachung. Ohne volles rechtliches Gehör sei keine Verhandlung möglich.

"Wenn diese Bänder in der Hauptverhandlung abgespielt würden, verlängere sich der Prozeß bis ins Frühjahr 1998", sagte Richter Theo Alsbach. Auch das Kopieren der Aufnahmen erfordere seine Zeit. Man müsse immer an die Beschleunigung eines Verfahrens denken.

Wissen verschwiegen?

Weisbarths Verteidigung hatte zuvor ihre Vorwürfe vom Sommer 1995 wiederholt: Unter anderem hätten Staatsanwaltschaft und Stadtverwaltung Koblenz dem "Extra"-Betreiber jahrelang ihr Wissen über die Drogenszene in der Disco verschwiegen. Dadurch sei ein gemeinsames effektives Bekämpfen der Auswüchse verhindert worden. Bis zur Schließung im Mai 1995 habe es keine behördliche Auflage zur Drogenabwehr gegeben.

Am nächsten Dienstag soll der Prozeß weitergehen: Die "Aktenlage" dieses Großverfahrens umfaßt mehr als 5000 Seiten Hauptakten und ein Dutzend Ordner mit Beweisunterlagen. 170 Zeugen warten darauf, vor dem Kadi zum Drogen-"Extra" auszusagen.


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:07 von aj