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1997 keine neuen Arbeitsplätze in Sicht

Nachkriegsrekord - Dauerfrost verschärft die Krise - Exportmotor geschmiert

Frankfurt/M (AP) 1997 könnte zu einem weiteren Katastrophenjahr am deutschen Arbeitsmarkt werden. Obwohl die Wirtschaft weiter moderat wächst und der Exportmotor gut geschmiert ist, steuert die Zahl der Stellenlosen auf einen neuen Nachkriegsrekord zu. Keine der großen Wirtschaftsbranchen plant in diesem Jahr Einstellungen. Es sollen bestenfalls, wie etwa in der Autoindustrie, keine weiteren Beschäftigten entlassen werden. Das Ziel der Halbierung der Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2000 scheint unerreichbar.

Wegen der Kälte und fehlender Konjunkturimpulse dürfte die Zahl der Arbeitslosen schon im Dezember wieder deutlich über vier Millionen gewachsen sein - das wäre das höchste jemals zu Jahresschluß erreichte Niveau. Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer erwartet sogar deutlich über 4,1 Millionen. Die genaue Zahl und die Jahresbilanz 1996 legt die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg am Donnerstag vor.

1996 war bereits ein schlechtes Jahr für den Arbeitsmarkt und ein Jahr mit so vielen Firmenpleiten wie nie zuvor. Wenige Tage nach Neujahr überwiegt auch für 1997 Pessimismus. Der DGB rechnet mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit auf die Rekordmarke von 4,6 Millionen Menschen schon im Februar. Allein im Osten könnten nach Ansicht des Vorstandsvorsitzenden der Jenoptik, Lothar Späth, 500.000 bis 600.000 Stellen wegfallen. Die amtliche Prognose von 4,1 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt, auf der die Planungen für Bundeshaushalt und Sozialkassen beruhen, könnte also um einiges zu niedrig sein.

Schon 1996 zeigte sich, daß die normalen Zyklen am Arbeitsmarkt mit Belebung im Frühjahr und Herbst auch bei Wirtschaftswachstum nicht mehr garantiert sind. Der Frühjahrsaufschwung wurde vor einem Jahr vom strengen Winter im Keim erstickt; ähnliches droht 1997, wenn die Kälte über Februar hinaus anhalten sollte.

Baugewerbe auch ohne Wettereinfluß Sorgenkind

Doch der Frost allein kann nicht als Erklärung herhalten, zumal in der wetterabhängigen Baubranche reine Schlechtwetterkündigungen eigentlich verboten sind, auch wenn Wiedereinstellung im Frühling zugesagt wird. Dennoch prognostiziert Michael Niffker vom Zentralverband Bau "mehrere hundertausend arbeitslose Bauarbeiter im ersten Quartal 1997".

Aber auch ohne Wettereinfluß ist das Baugewerbe das größte Sorgenkind. Seit zwei Jahren liegt die Zahl der Bauarbeiter, die ihre Stelle verlieren, Monat für Monat weit über dem Durchschnitt aller Branchen. 1997 wird wegen des Auslaufens von Sonderabschreibungen das endgültige Ende des Baubooms in Ostdeutschland mit weiteren negativen Folgen für den Arbeitsmarkt befürchtet.

Derzeit sind bundesweit 240.000 Bauarbeiter arbeitslos. Die Tendenz ist steigend, denn bei einem erwarteten Rückgang der Bautätigkeit von einem Prozent im Westen und vier Prozent im Osten kann das Beschäftigungsniveau laut Niffker 1997 nicht gehalten werden. Der Verbandsvolkswirt sagt einen Stellenrückgang von weiteren zwei bis vier Prozent nach zehn Prozent 1996 voraus.

Trotz Wachstums keine Arbeitsplätze

Weiter im Abwärtstrend sieht sich neben dem Bau die Textil- und Bekleidungsindustrie. Generell sind die Konjunkturerwartungen für 1997 aber gar nicht so schlecht. Laut einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) rechnen die großen Exportbranchen Maschinenbau, Automobil und Elektroindustrie sowie Chemie mit einem leichten Plus, ebenso die Dienstleister.

Neue Arbeitsplätze bringt das nicht - im Gegenteil. Der neue Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Bernd Gottschalk, erwartet bestenfalls eine stabile Beschäftigungslage. Sein Kollege Franz-Josef Wissing vom Elektroindustrie-Verband (ZVEI) rechnet hingegen mit dem Verlust von weiteren 30.000 Stellen in seiner Branche. Der Sprecher des Maschinbau-Verbandes (VDMA), Alexander Batschari, prognostiziert für 1997 einen Abbau von 10.000 Stellen nach 40.000 im vergangenen Jahr. Auch beim Arbeitgeberverband Chemie rechnet man mit längerfristig sinkenden Jobzahlen, unter anderem weil die tariflich vereinbarte Beschäftigungsgarantie im Februar ausläuft. Foto: AP


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:07 von aj