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. . . Kobolde mit künstlicher Intelligenz

Norns wollen immer beschäftigt werden. Wie einem kleinen Kind muß man ihnen alles beibringen. Woher sollen sie auch wissen, daß man zuerst einen Knopf drücken muß, um Fahrstuhl fahren zu können? Wenn sie es verstanden haben, werden sie durch "Streicheln" belohnt. Nach und nach lernen Norns mit Bällen und Brummkreiseln zu spielen, Feuer zu meiden, Futter zu suchen. Dabei erkunden sie unablässig ihre Umgebung. Dazu ist viel Platz: Sie leben in der Welt Albia, die zwölfmal so breit und dreimal so hoch wie das Monitorbild ist.

"Digitale Erbmasse"

Wie in der Natur läßt sich auch bei den Norns nicht vorhersagen, wie ihre digitale Erbmasse bei der Paarung von Vater und Mutter auf die Nachkommen verteilt wird. So wissen selbst die Programmierer nicht, wie nachfolgende Generationen aussehen und sich verhalten werden. Und in den Computern auf der Erde dürfen sich ungezählte Norn-Populationen entwickeln - ein bislang einmaliges Experiment.

Dabei müssen die kleinen Kobolde in ihrer Umgebung nicht allein bleiben. Über das Internet "http://www.cyberlife.com " können sich die Spieler neue Gegenstände nach Albia holen, Norns in Pflege geben oder genetische Codes für die Zucht austauschen.

Der Plan, Intelligenz "nachzubauen", ist übrigens nicht neu. Schon vor 40 Jahren gab es Versuche - damals war die Euphorie groß. Computer sollten dichten und denken, musizieren und mathematische Beweise führen. Bei dieser Gelgenheit wollten die Informatik-Gurus der 50er Jahre auch gleich noch das menschliche Hirn im Rechner nachbilden und optimieren. Heute können die Maschinen von allem ein bißchen, doch wirklich intelligente Computer gibt es bislang nicht.

"Wir stehen erst am Anfang"

"Die hochfliegenden Prognosen von damals waren schlicht unseriös", faßt Rudolf Kruse zusammen. Doch als einer der weltweit führenden Köpfe auf dem Gebiet der "computational intelligence" sieht sich der Professor für Theoretische Informatik noch immer mit den Folgen der längst überholten Technik-Euphorie konfrontiert. "Unsere Ergebnisse sind vielversprechend, aber wir stehen erst am Anfang", bremst er überzogene Erwartungen an die künstliche Intelligenz.

Kruse, der an den Universitäten Magdeburg und Braunschweig lehrt, fällt bereits die Definition des Begriffes schwer. Ein Schachcomputer für 29,80 Mark hätte im 17. Jahrhundert zweifellos als technische Weltsensation, eben als intelligente Maschine, gegolten. Anders als damals würde nach heutigem Wissenstand niemand mehr behaupten, der Automat handele überlegt, sei schlau oder gar clever. Und die Wissenschaft schreitet fort. Was, wenn das menschliche Gehirn - laut Kruse die größte Leistung der Evolution - wie der Schachcomputer eines Tages wirklich ganz durchschaut sein sollte? "Dann müßten wir uns neu unterhalten", sagt er. Denn Dingen, deren Funktion er vollständig verstanden habe, billige der Mensch Intelligenz nicht zu.

"Computer sind rasend schnell, aber strohdumm"

"Computer sind rasend schnell, aber strohdumm", stellt der Informatiker klar. Sie können zwar einzelne Aufgaben schneller lösen als der Mensch. Doch schon der Befehl, über den Flur zu gehen und eine Tasse Kaffee zu holen, habe sich als komplizierte Aufgabe für die Maschine herausgestellt. Dazu fehle ihnen einfach jenes selbstverständliche Alltagswissen, das sich der Mensch im Laufe seines Lebens unbewußt aneigne: Woher soll ein Rechner wissen, daß man nur durch offene Türen gehen kann? Schwierigkeiten haben Computer auch beim Deuten von Zusammenhängen. Sprechen Menschen von "kaltem" Bier, meinen sie ungefähr eine Temperatur zwischen acht und zwölf Grad. Lauwarmes Essen ist zirka 20 Grad "kalt", "kalter" Stahl hingegen ist nach dem Walzen noch glühend heiß.

Mitdenkende Textverarbeitung nicht absehbar

Trotz aller Probleme will Kruse nicht als Pessimist gelten. "Wir müssen für unsere Ziele aber realistische Zeiten angeben", fordert er von seinen Kollegen. Mitdenkende Textverarbeitung oder simultan übersetzende Telefone seien noch nicht absehbar. Über Schlagzeilen wie "Superintelligente Rechner werden eines Tages die Erde regieren" schüttelt der Professor nur den Kopf.

"Creatures" kostet 89 Mark, läuft auf schnellen Windows 95- und Mac-Rechnern. Eine schnelle Grafikkarte ist ebenso zu empfehlen wie eine Soundkarte. Von Thilo Resenhoeft


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:07 von aj