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Rasender Spaß am Paß:

"Downhill" mit dem Tretroller

Esslingen (gms) - Wenn's dem Esel zu wohl wird, geht er auf's Eis. Wenn 30jährige Männer das "schnelle Abenteuer" suchen, fahren sie mit Tretrollern Pässe hinab. Eine - noch - kleine Gruppe von Enthusiasten hat auf diese Weise eine der neuesten und wohl extremsten Fun-Sportarten kreiert. Nicht aus dem waghalsigen Sturz am Bungee-Seil, dem schnellen Ritt auf dem Snowboard holen sie sich den Kick - sie rasen mit den Kindergefährten in irrwitziger Geschwindigkeit durch Kurven und Serpentinen ins Tal.

Das "A-Team" darf sich heute als erstes in die Tiefe stürzen. Akki Überall, Dscho Mayer und Lorenz Becker schwingen sich beherzt auf die schmalen Stege zwischen den beiden Reifchen und strampeln vom 2 224 Meter hoch gelegenen Parkplatz in die Tiefe. Vorbei an Bergen mit Namen wie Mönch, Eiger und Jungfrau fahren insgesamt sieben wilde Reiter mit stetig steigendem Speed gen Obermaad im schweizerischen Kanton Uri.

Ultimativer Adrenalin-Kick

Erst hunderte Höhenmeter später, nach knapp 15 Kilometern über welligen Asphalt, durch feuchte Tunnel und spitze Haarnadelkurven, greifen die Bremsen in die Felgen. Lorenz kommt, nach Hechtrollen-Abstieg bei Tempo 30, ziemlich verschrammt im Basislager an - zum Glück hatte er einen Helm auf. Akki hatte einen Plattfuß.

1995 hat der Wahn mit den Rollern seinen Anfang genommen. Die drei Freaks aus Esslingen, die grundsätzlich alles fahren, was zwei Räder hat, suchten nicht nach dem ultimativen Adrenalin-Kick, sondern nach Spaß in seiner reinsten Form. Etwa mit Roller "Willy", dem soliden 20-Zöller aus dem Hause Sidewalker. Oder "Pucky", der sehr an einen Kinderroller erinnert, weil er noch Schutzbleche und einen kleinen Gepäckträger hat.

Abstrampeln zu mühselig

Abstrampeln ist auf Dauer zu mühselig, dachte Dscho und kreierte kurzerhand aus einem Sachs-Hilfsmotor, einem Rahmen und einem 20-Zoll-Steuerrad einen "Easy Rider". Vortrieb und Sturmfrisur ließen auf gerader Strecke jedoch zu wünschen übrig. Deshalb kam nur eines in Frage: Downhill bis die Bremse glüht.

Runter kommen sie mit den Stehschleudern natürlich immer. Aber rauf? Kein Problem: Nach Bergsteigermanier an das BMW R 100-Gespann oder die Kawasaki Estrella vertäut, läuft es bergauf fast so leicht wie bergab. Lohn der Angst beim Schleppen: Die Ausgelassenheit bei der nächsten Abfahrt.

Fachsimpeln bei diversen Bieren

Abends dann, bei diversen Bieren, wird über die Roller gefachsimpelt, erzählt man sich von spektakulären Stürzen. Doch lange Nächte und volle Gläser sind kein Grund, lange auf den nächsten Kick zu warten. Es muß wieder kesseln. Beinhart die Nacht, und ab fünf Uhr früh geht es wieder auf die kurvige Straße.

Schon nach fünf, sechs kräftigen Tritten ist die Armada bei entspannten 30 Stundenkilometern angelangt. Jeder fährt seinen eigenen Stil, oder gerade den, den der Roller zuläßt. Stehen erhöht natürlich den Luftwiderstand und nimmt dem Spaß die Schnelligkeit. Vor Kurven kann die Standhaftigkeit jedoch angeraten sein, hier ist totaler Körpereinsatz bis an die Rutschgrenze gefordert - Körper in die Kurve legen und den Roller möglichst aufrecht halten.

Haltungsnoten gibt es nicht

Was passiert, wenn man es auf dem Parkplatz nicht ansatzweise geübt hat, weiß Lorenz zu berichten. "Der Roller schmierte hinten weg, da mußte ich absteigen". Aber bloß, um gleich wieder aufzusteigen und in halb knieender, halb hockender Haltung weiterzurasen. Haltungsnoten gibt es nicht. Denn in Schönheit abzuschmieren ist schließlich voll daneben.

Wenn dann bei etwas flacheren Stücken den Rollern die Luft ausgeht, ist jedermann versucht, das Bein zum beschleunigenden Tritt auszufahren. Aber Vorsicht! Selbst in diesen langsamen Passagen haben die Roller noch soviel Tempo, daß das Bein bis in den Nacken schlägt, sobald Schuhsohle und Teer Kontakt haben. Also möglichst klein machen, abducken und versuchen, mit dem extrem hochstehenden Lenker trotzdem auf dem Strich zu bleiben.

Speed, Spaß, Spannung

Die Roller-Droge wirkt bei allen. Eine Mischung aus Respekt vor dem teils extrem verworfenen Untergrund und Freude am geräuschlosen Fahren, die manchem Autofahrer den Hals verdreht. Speed, Spaß, Spannung.

Nach dreimal rauf und wieder runter stellt sich eine gewisse Professionalität ein. Aber kein Übermut. Das ist die Zeit, wo die Jungs die Sau rauslassen. "Jetzt fahren wir mit Vollverkleidung". Will heißen: was gefällt, ist auch erlaubt. Rasende Besen als Kopfschmuck genauso wie der getigerte Bademantel, das ausgeleierte Beauty-Case oder die Schrill-Brille aus zwei Tee-Siebchen.

Ur-Einwohner gelassen

Die Ur-Einwohner nehmen es gelassen. Das einzige, was Ihnen Sorge zu bereiten scheint, ist die Geräuschlosigkeit des Angriffs. Normalerweise nähern sich hier wilde Fahrer mit ebenso wildem Motorengeräusch. Anonyme Angeber halt. Die rasenden Roller hingegen fallen leise ein und verschwinden genauso schnell nach ein paar Tagen Downhill-Rennen wieder. Bis zum nächsten Mal, bis zum nächsten Roller-Kick. Fotos: dpa

Letzte Änderung: 08.04.1997 18:07 von aj