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Aldi-Erpresser: Vier Jahre Haft

Gericht: Sprengstoffanschläge "heimtückisches und mieses Vorgehen"

Essen (AP) - Mit neun und vier Jahren Haft müssen die Aldi-Erpesser Christian und Rene Baisch ihren Versuch büßen, mit Sprengstoffanschlägen das Discount-Unternehmen um drei Millionen Mark zu erpressen. Die Zweite Strafkammer des Essener Landgerichts unter Vorsitz von Richter Rudold Esders befand die 23 und 27 Jahre alten Brüder der versuchten schweren räuberischen Erpressung und der Herbeiführung von Sprengstoffexplosionen für schuldig. Esders wertete die Anschläge auf vier Aldi-Filialen im Frühjahr vergangenen Jahres als "heimtückisches und mieses Vorgehen" der Männer.

Mit den verhängten Freiheitsstrafen blieb das Gericht zumindest beim Haupttäter, dem 23jährigen Christian, um zwei Jahre unter dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafmaß. Der jüngere Bruder war zudem noch wegen zwei Banküberfällen angeklagt. Richter Esders rechtfertigte in seiner rund einstündigen Urteilsbegründung das Strafmaß auch damit, mögliche Nachahmungstäter abzuschrecken. Außerdem könnte bei einem milderen Richterspruch der Eindruck entstehen, "die Gesellschaft würde diese miesen Taten nicht ernstnehmen", erklärte der Vorsitzende Richter.

Die Brüder aus Halle an der Saale hatten im April und Mai vergangenen Jahres ihre in Orangensafttüten und einer Quarkpackung versteckten Sprengsätze in Aldi-Filialen in Halle, Leipzig, Braunschweig und Celle deponiert. Drei von ihnen explodierten in den Geschäften, ein weiterer in der Wohnung eines Kunden. Vor der geplanten Geldübergabe waren beide am Morgen des Pfingstsonntags betrunken in ihrem Auto festgenommen worden.

"In keinem Fall dilettantisch"

Während drei Sprengsätze nachts explodierten, sei der vierte Sprengsatz "von anderer Qualität" gewesen, sagte Richter Esders. Dieser in einer Waldfrucht-Quarkpackung versteckte Sprengsatz sei darauf angelegt gewesen, sofort nach der Entnahme aus dem Regal zu explodieren. Es sei eine bloße Hoffnung der Täter gewesen, daß der Sprengsatz im Einkaufswagen detoniere. "Es hätte ebensogut auch in einem Kinderwagen passieren können", meinte Esders. Nach seinen Worten hatte die Schärfe des Vorgehens der Brüder von Tat zu Tat zugenommen und sei zum Schluß zu einer konkreten Gefahr für Menschen geworden.

Die geständigen Männer hatten nach Einschätzung des Gerichts mehr Zeit als jeder Augenblicksräuber, "um zu ihrem Gewissen zurückzukehren", sagte Esders. Die lange Vorbereitungszeit und die komplizierte Technik könnten "in keinem Fall dilettantisch" genannt werden. Als strafmildernd wertete das Gericht die Geständnisse und die Tatsache, daß die Brüder aus desolaten Verhältnissen stammten. Beide hätten zum Tatzeitpunkt Geld gebraucht, und Christian habe nach zwei Banküberfällen schließlich den älteren Rene zum Mitmachen bei dem Erpressungsversuch überredet.

Medienschelte vom Richter

Richter Esders machte in seinem Urteilsspruch aber auch die Medien mitverantwortlich für die Tat der Verurteilten. Als sich beide die Sache überlegt hätten, habe der Fall des Bahnerpessers Dagobert Schlagzeilen gemacht. Die Brüder hatten zu Beginn des Prozesses erklärt, sich diesen Fall zum Vorbild genommen zu haben. Esders warf den Medien vor, Dagobert als kleveren Mann dargestellt und nicht ausreichend betont zu haben, daß "Anschläge moralisch zutiefst verwerflich" seien. Fotos: AP

Letzte Änderung: 08.04.1997 18:07 von aj