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Kindesmißbrauch und -pornographie spielt sich im Dunkel ab:

Kind aus Polen für 1.500 Mark

Angebote im Internet - Aber kein Fall von Menschenhandel belegt

Frankfurt/M (AP) - Kindesmißbrauch und -pornographie spielt sich in einem Dunkel ab, in das auch die Polizei kaum Einblick hat. Großes Aufsehen rief daher die Polizeipsychologin Eva Wiegel hervor, die die Mörder der zehnjährigen Kim Kerkow für professionelle Mädchenhändler hält: Es gebe Kinderbordelle und eine Mafia, die Kinderpornos produziere, sagte sie in einem Zeitungsinterview. Ein Fall Dutroux jetzt auch in Deutschland?

Das Bundeskriminalamt warnte vor Spekulationen. "Wir haben keine Erkenntnisse, daß Kinder in Deutschland Opfer von Menschenhandel wurden", sagte BKA-Sprecher Gerhard Schlemmer. Von 1.753 Opfern im vergangenen Jahr seien 107 Jugendliche gewesen; ein Kind sei nicht darunter gewesen.

Nicht eine Mafia, sondern einzelne Bürger stehen für den Alltag der Kinderpornographie in Deutschland. Sieben Männer wurden seit November wegen Mißbrauchs und Herstellung von Videos verurteilt. Drei hatten ihre Opfer auf den Philippinen und in Thailand gefunden. Die vier anderen hatten sich an Kindern von gleichgesinnten Bekannten, Mädchen aus der Nachbarschaft und in einem Fall an der Stieftochter vergangen. Dabei aufgenommene Videos wurden dann getauscht oder auf dem schwarzen Markt an andere Pädophile verhökert.

Else Diesing, Leiterin der Dienststelle Jugendschutz beim Polizeipräsidium München, unterschied zwei Gruppen von Tätern: Die Triebtäter, die während des Mißbrauchs die Kamera laufen lassen, und die Profis. Professionelle Aufnahmen kämen zum großen Teil aus Asien und Osteuropa, wo auch die Kinderprostitution blühe. Der Vertrieb des Materials sei sehr konspirativ: "Das läuft über verschlüsselte Anzeigen in Kontaktmagazinen oder FKK-Heften und zunehmend auch im Internet."

"Ein Bordell wäre viel zu auffällig"

Wiegel, Psychologin an der niedersächsischen Polizeischule, vermutete eine Kinderporno-Mafia in der Bundesrepublik am Werk. Der Hannoverschen "Neuen Presse" sagte sie: "Junge Mädchen sind beliebte Handelsware. Der Täter sollte wohl nur ein Mädchen mit Kims Aussehen zur Vermarktung beschaffen." In Bordellen für Pädophile würden blonde Mädchen vor der Pubertät bevorzugt.

Schlemmer und Diesing wollten das nicht ausschließen, sahen aber keinen Beleg dafür. Die Fachreferentin für Gewalt gegen Kinder beim Deutschen Kinderschutzbund, Katharina Abelmann-Vollmer, meinte: "Ein Bordell wäre ja viel zu auffällig." In Magazinen und vor allem im Internet würden aber neben Videos auch Kinder selbst zum Mißbrauch feilgeboten: "Da steht dann 'blutjung' oder 'gerade 18'." Im Internet sei in einem Fall ein Kind aus Polen für 1.500 Mark angeboten worden, Treffepunkt auf einem deutschen Bahnhof und wieder abzuholen nach zwei Stunden. Die Identität der Teilnehmer sei im anonymen Kontakthof Internet kaum zu ermitteln, die Adressen würden ständig verändert.

"Es gibt wohl einen Handel mit osteuropäischen Kindern, die in andere Länder gebracht werden", meinte Abelmann-Vollmer. Die Polizei in Großbritannien habe einmal ein Kind gefunden, und es solle einzelne Fälle in Italien und in den Niederlanden geben. "Aber das sind sehr vage Geschichten, die nie ganz geklärt wurden. Man weiß es einfach nicht genau."


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:08 von aj