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Grüße vom Plattenpapst

Deutschlands erfolgreichster Musikmanager

Hamburg (dpa) - Man nennt ihn "Plattenpapst" oder "Mr. Top Ten", er selbst zeichnet seine Briefe gelegentlich mit "Der Chef" oder schlicht "Gott". Mit 32 Jahren ist er bereits der Senior der Hamburger Motor Music GmbH. Er heißt Tim Renner (Foto) und gilt als erfolgreichster deutscher Plattenmanager der letzten Jahre. "Wir sind Marktführer im Dance- und im Jazz-Bereich und 1995 waren wir es auch bei den Singles", sagt er trocken und streicht die blonden Strähnen aus dem Gesicht. 1996 habe der Umsatz seiner Firma erstmals die 100- Millionen-Marke überschritten.

Dabei ist Renner erst 1994 mit einem Dutzend Mitarbeitern gestartet. Heute erwirtschaften knapp 30 junge Leute, die meisten um die 20 Jahre alt, Rekordzahlen. Ständig stampfen in den Büros die Bässe, auch auf Renners rot-schwarzen Lackschreibtisch sind mächtige Lautsprecherboxen gerichtet. Die Arbeitsweise sei etwas "außerhalb der üblichen Norm", sagt Renner. Und wie um dies zu demonstrieren, sitzt er an einem Schreibtisch, auf dem ein Chaos herrscht, wie bei anderen nur im Papierkorb.

Besonderes Betriebsklima auf der Toilette

Spätestens auf der Toilette spürt der Besucher das besondere Betriebsklima der Firma. Ein Pissoir ist mit Goldpapier verkleidet und einem Lorbeerkranz geschmückt: "Hier pißt der Chef", verkündet ein Schild. Den Flur zieren Goldene Schallplatten und verraten, womit hier hauptsächlich Geld verdient wird: Techno. Wie kein anderer hat Renner den Trend für sich verbucht und Stars wie Westbam, Marusha und Mark 'Oh im Programm. Privat hört er aber lieber Punk und Wave.

Als Erfolgsrezept nennt er "eine Mischung aus Logik und Instinkt". Besonders wichtig sei, in Musiktrends früh einzusteigen. Szenegenau müsse man sein und die Betreuung der Künstler ernst nehmen: "Die stellen oft ihr gesamtes Leben auf einen Plattenvertrag ein, brechen Studium oder Lehre ab".

Mit 15 Jahren stieg Renner ins Musikbusiness ein, damals als Journalist. Er produzierte Musiksendungen über die Neue Deutsche Welle und verkaufte sie auf Audio-Kassetten. Wichtig sei eine "liberale Schule" gewesen, die beide Augen zugedrückt hätte, wenn er wieder einmal auf Geschäftsreise war.

Wachstum 1997 vorprogrammiert

1996 hatten viele Renner ein "schwarzes Jahr" prophezeit. Tatsächlich sanken zunächst die Umsätze in seinen Sparten. Der glanzvolle Aufstieg schien einen Knacks zu bekommen - bis "Mr. Top Ten" einen gewissen Robert Miles unter Vertrag nahm. Dessen Megahit "Children" stürmte kurz darauf weltweit die Charts. Mehr als eine Million Scheiben sorgten für eine Doppel-Platin-Auszeichnung, den größten Erfolg der kurzen Firmengeschichte und eine wieder makellose Bilanz.

1997 ist das weitere Wachstum schon vorprogrammiert. Der Polygram- Konzern, unter dessen Flagge Renner im Musikmarkt fischt, hat ihm seit Jahresbeginn kleinere Labels unterstellt, die etwa ein Drittel des bisherigen Umsatzes ausmachen. Für die Popmusikhörer kündigt Renner eine zunehmende Unübersichtlichkeit an: "Alles differenziert sich. Rock beginnt vom Dance-Bereich zu lernen und umgekehrt. Die Zeit der Megastars ist vorbei." Von Frank Christiansen, Foto: dpa


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:08 von aj