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Abschied von "Groß-Israel"

Jerusalem (dpa) - Es war ein entscheidender Moment in der politischen Geschichte Israels, ein Wendepunkt in der ideologischen Entwicklung des jüdischen Staates. Am frühen Donnerstag morgen billigte eine rechtsgerichtete Regierung, geführt von einem Ministerpräsidenten der nationalistischen Likud-Partei, ein Abkommen, sich aus Hebron und großen Teilen des Westjordanlands zurückzuziehen - dem Herzen des biblischen Landes Israel. Am selben Tag wurde in der Knesset, dem israelischen Parlament, eine Drei-Viertel-Mehrheit für dieses Abkommen erwartet.


Mit seiner widerwilligen Billigung des Abkommens warf das rechte Lager seine ideologischen Grundlagen über Bord, die es seit dem Aufkommen des Zionismus vor über 100 Jahren geleitet hatten - das Streben nach der Kontrolle über alle Gebiete des biblischen Landes Israel. Nicht einmal der unter dem Likud-Gründungsvater und ehemaligem Ministerpräsidenten Menachem Begin mit Ägypten vereinbarte israelische Rückzug 1977 von der riesigen Sinai-Halbinsel hatte ähnliche Bedeutung. Der Sinai war nicht Teil des biblischen Israel, und Begin war überzeugt, daß seine Rückgabe an Ägypten Israels Position im Westjordanland stärken würde - oder in Judäa und Samaria, wie er es nannte.

Historischer Streit ist entschieden

"Wir müssen die Wahrheit akzeptieren. Wir haben 'Groß-Israel' aufgegeben", sagte der Likud-Abgeordnete Zeev Baum am Donnerstag. "Der historische Streit zwischen denen, die an das 'ganze Land Israel' (einschließlich des Westjordanlands) und denen, die an ein Israel in Frieden glauben, ist jetzt entschieden", erklärte der ehemalige Ministerpräsident der Arbeitspartei, Schimon Peres.

Das Hebron-Abkommen schuf - oder reflektierte - eine unangreifbare Allianz der politischen Mitte innerhalb der israelischen Gesellschaft. Die Konversion der Rechten von blinden Ideologen zu nüchternen Pragmatikern wurde von der schweigenden Mehrheit in der israelischen Öffentlichkeit diktiert - die nach einer Umfrage vom Donnerstag das Abkommen mit 67 Prozent billigt.

Abkommen eint die Nation

"Dieses Abkommen mit den Palästinensern ist das erste, das die Nation einigt und nicht spaltet", sagt der Kommentator Savar Plotzker. "Die meisten Israelis sind keine Extremisten. Der entscheidende Faktor für Charakter, Weg und Vision der israelischen Gesellschaft ist eine große und einflußreiche Mittelklasse - wirtschaftlich erfolgreich, kulturell gesättigt, politisch ruhig und ideologisch moderat."

Hebron oder Washington?

Nach Einschätzung von Kommentatoren gab Netanjahu seine in der revisionistisch-zionistischen Bewegung verankerte Politik, die Israel sogar von seinem stärksten Verbündeten, den USA, zu isolieren drohte, nach den blutigen Zusammenstößen zwischen Israelis und Palästinensern im September des vergangenen Jahres auf. "Vor die Wahl zwischen Hebron und Washington gestellt, entschied sich Netanjahu für Washington", schrieb Nachum Barnea in der Zeitung "Jedioth Achronoth".

Die Annahme des pragmatischen Wegs durch Netanjahu ist eine bittere Enttäuschung für den Kern seiner extrem rechten religiösen Anhänger, die jetzt ihre Strategie neu überdenken müssen. Auch einige Likud-Politiker wie der frühere Ministerprädident Izchak Schamir oder der am nach der Kabinettsentscheidung zurückgetretene Wissenschaftsminister Beni Begin, der Sohn Menachem Begins, hängen weiterhin an den alten Werten. Doch Politiker wie sie sind vom Aussterben bedroht.

"Pathetischen Überreste einer vergangenen Zeit"

"Sie sind die pathetischen Überreste einer vergangenen Zeit", sagte der Kommentator Tommy Lapid. Die rechtsgerichtete "Jerusalem Post" rät dem ultra-nationalistischen Lager, seine Taktik zu ändern: "Die Bewegung für 'Groß-Israel' kann entweder sterben - oder sich zu einer Kraft wandeln, die auf Israels Anspruch auf diejenigen Gebiete pocht, die nach den Oslo-Abkommen noch übrig sind." Andy Goldberg, Foto: AP

Letzte Änderung: 08.04.1997 18:08 von jo