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Expertenmeinung:

Sexualtäter nie ohne psychiatrische Betreuung lassen

Bremen (dpa) - Sexualstraftäter dürfen nach Ansicht des Bremer Psychoanalytikers Lorenz Böllinger nie ohne psychiatrische Betreuung gelassen werden. Nach dem Mord an der zehnjährigen Kim aus dem niedersächsischen Varel durch einen Wiederholungstäter mahnte er in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag eine gesellschaftliche Verantwortung an. "Es ist fahrlässig, einen Menschen nach so einer Tat ohne eine Unterbringung in der forensischen Psychiatrie einfach wieder aus der Haft zu entlassen." Doch gleichzeitig sei fraglich, ob Therapie wirklich hilft.

Der geständige Mörder von Kim hatte als 16jähriger in seinem Heimatort in Friesland ein elfjähriges Mädchen mißbraucht und getötet. Die Tat verübte er an einem 9. Januar - auf den Tag genau 18 Jahre später starb die kleine Kim. Damals wurde er zu einer sechsjährigen Jugendstrafe verurteilt. Böllinger: "Ohne eine Unterbringung und entsprechende Behandlung kann es sein, daß den Mann seine pathologischen Züge immer wieder überkommen."

Quälende Schuldgefühle

Aus seiner Praxis im Umgang mit Vergewaltigern weiß der Jurist und Psychoanalytiker Böllinger, daß manche dieser Menschen durchaus versuchen, gegen ihre Störung anzukämpfen. An Tagen mit Bezug zu früheren Taten aber werde den Betroffenen die Brisanz ihrer inneren Konflikte oft besonders deutlich und löse quälende Schuldgefühle aus.

Keine monströsen Menschen

Sexualstraftäter sind für den Experten keine monströsen Menschen. "Die Betroffenen haben ein sadistisches Potential, dessen sie sich meist selbst nicht bewußt sind." Schwere frühkindliche Beziehungsstörungen könnten dies auch schon bei jungen Menschen auslösen. "Oft fühlen sich die Täter einer in ihrer Wahrnehmung übermächtigen Mutter oder Partnerin hilflos ausgeliefert", erläuterte Böllinger weiter.

Mit einem Kind werde dann versucht, das Schlechte in sich selbst auszulöschen und wieder die eigene Allmacht herzustellen. Reagiere ein Opfer nicht mit der vom Täter phantasierten Zustimmung, stiegen erneut Gefühle der Ohnmacht und Entwertung auf. Böllinger: "Die Tötung des Opfers ist darum nicht nur dazu da, um die Vergewaltigung zu verdecken."


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:08 von jo