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. . . Der Mann, der die Bombe bauen sollte

Als er 14 Jahre alt und mit der Familie nach Berlin gezogen war, verbot ihm der Vater die weitere Beschäftigung mit Chemie. Manfred hatte mit Phosphor einen größeren Küchenbrand ausgelöst. Weil ein Berliner Wetterwart ihn mit dem Empfang von Morsetönen aus Paris fasziniert hatte, wandte Ardenne sein Interesse nun der drahtlosen Nachrichtenübermittlung zu.

Das erste Patent mit 16 Jahren

Mit 16 bekam er sein erstes Patent, wurde dafür am Gymnasium immer schlechter und fiel durchs Examen. Der Gymnasiast bastelte Radios, baute einen illegalen Sender, hielt den Weitenrekord im Empfangen von Morsetönen und veröffentlichte Beiträge in der Fachpresse. Der Nobelpreisträger Walther Nernst empfahl ihn der Universität Berlin; Ardenne studierte vier Semester Physik, Chemie und Mathematik bei Max Planck und Nernst - ohne Abitur.

Er erfand den integrierten Schaltkreis, . . .

Schon mit 17 war er wirtschaftlich selbständig. Er ernährte sich von seinen Erfindungen. 1923/24 entwickelte Ardenne für den ersten deutschen Radio-Sender in Berlin Verstärkertechnik für die Übertragung von Philharmoniekonzerten. 1924 nahm er als erster auf der Welt eine Schallplatte nicht mechanisch, sondern elektronisch auf. 1924/25 entwickelte er für Siegmund Loewe, Firmenvater des gleichnamigen Fernsehgeräteherstellers, die "Loewe-Dreifachröhre". Dieser "erste integrierte Schaltkreis der Welt" wurde millionenfach in Radios verbaut und machte diese um zwei Drittel billiger.

. . . das Fernsehen, . . .

1928 mietete Ardenne in Berlin-Lichterfelde ein mehrstöckiges Haus, bis Kriegsende sein privates Institut. Dort verbesserte er 1930 die Braunsche Röhre. Es gelang ihm erstmals, Filmsequenzen mit seiner Elektronenstrahlröhre vom Ende eines Zimmers zum anderen zu übertragen. Im Herbst 1931 führte er dies auf der Funkausstellung in Berlin vor. Das Fernsehen war geboren.

. . . das Nachtsichtgerät und das Rasterelektronenmikroskop . . .

1934 erfand Ardenne ein elektronisches Infrarot-Nachtsichtgerät, 1937 das Rasterelektronenmikroskop. Seine Institutsausrüstung rettete er in selbstangelegten Bunkern über den Krieg. Am 21. Mai 1945 flog er auf Geheiß sowjetischer Generäle nach Moskau. Mit seiner Familie - Frau, Tochter und Sohn - folgte ihm auch Lichterfelder Institut komplett mit Technik und Mitarbeitern. Den neuen Ort für sein Institut konnte Ardenne selbst wählen: Er nahm die Gebäude eines Sanatoriums bei Suchumi am Schwarzen Meer. Interniert hinter Stacheldraht, vor der Kulisse schneebedeckter Kaukasusgipfel, arbeitete Ardenne zehn Jahre lang für die Sowjetunion.

. . . und drückte sich um die Atombomben-Entwicklung

Die USA hatten ihre Atombombe in Hiroshima abgeworfen, als Berija ihn mit der sowjetischen Atombombe beauftragen wollte. Ardenne schlug dem Geheimdienstchef jedoch statt dessen vor, Isotopentrennverfahren für die Gewinnung des nuklearen Brennstoffs zu entwickeln. Die Bombe selbst sei besser bei russischen Physikern aufgehoben. Berija willigte ein. Ardenne erklärt aus heutiger Sicht: "Die sowjetische Atombombe hat für ein Kräftepatt gesorgt. Damit haben wir damals zum atomaren Frieden beigetragen."

Als Belohnung gaben ihm die Sowjets 1955 die Freiheit und seine gesamte Institutsausstattung zurück, knüpften daran allerdings eine Bedingung: "Ich sollte mich in der DDR niederlassen. Die Technik füllte zwei Güterzüge und war sehr wertvoll".

DDR-Bürger aus freien Stücken

So erklärt Ardenne, warum er nicht in den Westen ging. In der DDR genoß er Reisefreiheit, konnte seine Forschungsthemen frei wählen und besaß sein privates Institut, während die SED das Unternehmertum ausrottete. Daß er sein Institut durch alle Systeme steuerte, sich stets selbst finanzierte und sich die Freiheit der Forschung bewahrte, "darauf bin ich am meisten stolz", sagt Ardenne.

Das Dresdner Ardenne-Institut entwickelte Spezialtechnik. Ohne Erfindungen Ardennes wie den Elektronenstrahl-Mehrkammerofen zum Vakuumschmelzen hätte die DDR vieles nicht selbst herstellen können - hochreines Titan etwa. Als mit der Währungsunion die Industrie zusammenbrach, "gerieten wir mit 480 Mitarbeitern in eine unwahrscheinliche Krise". Ardenne gliederte sein Institut neu und fing wirtschaftlich noch einmal von vorne an.

Kampf gegen den Krebs

Heute sichert die Spezialmaschinenbaufirma Von Ardenne Anlagentechnik GmbH mit 100 Beschäftigten und etwa 20 Millionen Mark Umsatz das Überleben der Familienbetriebe. Ardennes Herz gehört seinem Institut für Angewandte Medizinische Forschung. Dort arbeiten 35 Spezialisten an seiner "systemischen Krebs-Mehrschritt-Therapie". Ardenne ist überzeugt, daß sie Krebsgeschwüre im Frühstadium weitgehend vernichten kann. Doch dies klinisch zu testen, überfordere sein Institut finanziell. Sein größter Wunsch lautet deshalb: "Förderer, Mäzene und Kliniken mögen sich finden, um die Krebs-Mehrschritt-Therapie auch im Krebsfrühstadium zu testen."

Seit 1977 inhaliert Ardenne zweimal jährlich konzentrierten Sauerstoff. Auch dem verdanke er sein hohes Alter, sagt er. Ardenne schreibt Bücher und hat immer noch patentwürdige Ideen. Mindestens 30 Fachbücher hat er verfaßt. Obendrein beschäftigt er sich mit der Astronomie. "Wenn ich in meiner Sternwarte auf unserem Institutsgelände einen bescheidenen Kugelsternenhaufen mit 1000 Sonnen beobachte, sehe ich die Kleinheit unserer irdischen Dinge. Das mahnt zur Bescheidenheit." Ingolf Seifert


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:08 von jo