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Auf den Spuren von . . .

Wandmurellis und Säuselelfen

Stadtrundgang zu den Tummelplätzen der Fabelwesen in Berlin

Berlin (AP) - Verblüfft steckt eine Frau ihren Kopf aus einem Fenster und bestaunt die merkwürdige Szene: Etwa 50 Gestalten stehen in ihrem Hinterhof in Berlin und beobachten mit einer Mischung aus Schmunzeln und Interesse einen Mann, der sich mit ausgebreiteten Armen und unter lautem Summen rasend um sich selbst dreht. Sie sind Zeugen eines "Elfentanzwahns" und Teilnehmer einer ungewöhnlichen Stadtführung in Berlin: Auf den Spuren von Elfen und Zwergen werden sie kreuz und quer durch den Bezirk Schöneberg geführt.

Seit Dezember führen die selbsternannten Elfenspezialisten Ogar Grafe und Wolfgang Müller samstags Elfenenthusiasten und Neugierige an Plätze, wo nach ihren Worten die kleinen Fabelwesen gesichtet werden können. Denn eines ist für sie klar: Elfen gibt es nicht nur in Island, wo ein Großteil der Bevölkerung an sie glaubt und beispielsweise bei Bauprojekten Rücksicht auf ihre Behausungen genommen wird, sondern auch in Deutschland und selbstverständlich auch in der Großstadt Berlin.

"Gefährliche Duftelfen"

Der Elfenrundgang führt über Stationen, an denen der Normalbürger wohl kaum Elfen vermuten würde. An einem S-Bahndamm beispielsweise halten sich laut Ogar Grafe in den Fliederbüschen die Fliedermaidas auf; zwei Zentimeter große Wesen, die weiß bis hellgrün leuchten und wie Insektenschwärme durch die Gegend fliegen und Elfenringe bilden. "Man sollte sich davor hüten, in einen Elfenring zu treten. Es kann passieren, das man jahrelang dort drinbleibt, ohne es zu merken", warnt Grafe.

Gefährlich sind nach seinen Angaben auch die Duftelfen auf dem Schöneberger Hinterhof: Sie können angeblich Menschen mit ihrem Duft in einen Tanzwahn versetzen, aus dem man mitunter tagelang nicht herauskommt. Neben ihnen haben die Elfenspezialisten nach eigenen Worten in Berlin auch noch Säuselelfen an einer efeubewachsenen Friedhofsmauer, stämmige, behaarte Wandmurellis im verlassenen Biergarten "Kesseldorfer Eck" und Gras- oder Beetzwerge am Grab der Gebrüder Grimm (Foto) auf dem Alten Sankt-Matthäus-Kirchhof entdeckt. Sämtliche Stationen ihrer Stadtführung haben die beiden auf einer Elfenkarte eingezeichnet, damit die Teilnehmer die elfenträchtigen Plätze später allein aufsuchen können.

Der Sommer ist die beste Elfenzeit

Durchschnittlich zwischen 20 und 50 Teilnehmer vom Kind bis zum Rentner zählen die regelmäßigen Elfenrundgänge. Die Reaktionen reichen von ernsthaftem Interesse über Belustigung bis zu reiner Neugierde und Abenteuerlust. Zu sehen bekommt bei dem Rundgang allerdings niemand eine Elfe: Die sind laut Grafe vor allem im Sommer sichtbar. Grafes Mitstreiter Müller hat selbst noch nie eine gesehen: "Aber das ist noch lange kein Grund, nicht daran zu glauben". Foto: AP

Letzte Änderung: 08.04.1997 18:08 von aj