IVWPixel Zählpixel

. . . Aussöhnung mit Tschechien

Deutsche und Tschechen hätten die "menschliche Pflicht, all derer zu gedenken, die in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts Opfer von Nationalitätenkampf, Okkupation, Rassenwahn, Krieg und Vertreibung" geworden sind. Auch vor dem tragischen Schicksal der Heimatvertriebenen dürfe man nicht die Augen verschließen.

Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland und Tschechien wolle den Weg der Zusammenarbeit und der Freundschaft, betonte Kohl. Versöhnung ließe sich aber nicht verordnen. "Sie muß zwischen den Menschen wachsen - und ich hoffe, sie wird auch bei denen wachsen, die der deutsch-tschechischen Erklärung heute noch nicht zustimmen", sagte der Kanzler. Abschließend betonte Kohl: "Wir Deutschen wollen Ihnen gute Nachbarn sein. Handeln wir gemeinsam im Geiste unserer christlichen und humanistischen Traditionen. Wir wollen um Vergebung bitten, und wir wollen vergeben".

Klaus: Neue Qualität der deutsch-tschechischen Beziehungen

Ministerpräsident Klaus würdigte die Erklärung als ein Dokument, das zu einer "neuen Qualität der tschechisch-deutschen Beziehungen in der Gegenwart und vor allem in der Zukunft beitragen" solle. Gerade die manchmal tragische Vergangenheit, die sowohl bei Tschechen als auch einem Großteil ihrer ehemaligen Landsleute ein Trauma hinterlassen habe, dürfe nicht die Zukunft der nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Völkern komplizieren. Er sei davon überzeugt, daß "alle Bürger und alle verantwortungsbwußten politischen Kräfte" in beiden Ländern die Bedeutung der tschechisch- deutschen Erklärung verstünden und den Text unterstützten.

Rechtsradikale protestierten

Überschattet wurde der Festakt im am Moldau-Ufer gelegenen prunkvollen Liechtenstein-Palais durch lautstarke Proteste von rund 200 Anhängern der rechtsradikalen tschechischen Republikaner. Diese riefen bei der Ankunft Kohls "Schande, Schande" und hielten Spruchbänder wie "Wir wollen kein zweites Protektorat" in die Höhe.

An der Unterzeichnung nahmen auch die Außenminister Klaus Kinkel und Josef Zieleniec teil, die am 20. Dezember dem in fast zwei Jahren ausgehandelten Wortlaut der Vereinbarung zugestimmt hatten. Parallel zu den Gesprächen der Regierungschefs kamen beide Minister zu gesonderten Konsultationen zusammen.

In Bonn wurde die Erklärung am Dienstag von Politikern als ein eindrucksvolles Versöhnungswerk gewürdigt. Der FDP-Vorsitzende Wolfgang Gerhardt sagte, sie eröffne für Deutsche und Tschechen nach Leid und Unrecht eine gemeinsame Perspektive in einem geeinten Europa. Die SPD-Außenpolitikerin Elke Leonhard wertete die Erklärung als Beginn einer normalen Beziehung. Dagegen erneuerten die Sudetendeutschen ihre scharfe Kritik an dem Versöhnungspapier. Die offenen Streitfragen seien ausnahmslos ungeklärt geblieben, sagte ihr Sprecher Franz Neubauer in München.

Annahme im Prager Parlament ohne SPD gefährdet

In Tschechien war der Wortlaut der Vereinbarung auf heftigen Widerstand links- und rechtsradikaler Parteien sowie großer Teile der Sozialdemokratie gestoßen. Ohne die Zustimmung zumindest einiger sozialdemokratischer Abgeordneter ist die Annahme des Dokuments im Prager Parlament gefährdet. Die SPD hat bislang mehrfach vergeblich versucht, die Unterstützung ihrer Schwesterpartei für die Deklaration zu gewinnen. Im Bundestag, der am 30. Januar über das Papier abstimmen soll, gilt dagegen eine breite Zustimmung für die vor zwei Jahren vom tschechischen Präsidenten angeregte Erklärung als gewiß.

Unterstützung für Tschechiens Beitritt zu NATO und EU

Deutschland bedauert in der Erklärung die Verbrechen der Nationalsozialisten. Tschechien räumt erstmals offiziell ein, daß bei der Vertreibung von über drei Millionen Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg auch unschuldigen Menschen Unrecht angetan wurde und bedauert dies. Die Bundesrepublik betont ihre Unterstützung für einen Beitritt Tschechiens zur Nato und EU und will gemeinsam mit Prag einen Zukunftsfonds einrichten, der vor allem tschechischen Opfern des Nationalsozialismus zugute kommen soll. Diese bestehen aber weiterhin auf individueller Entschädigung.

Bemängelt wurde von zumeist älteren Tschechen auch, daß in der Vereinbarung das Potsdamer Abkommen nicht erwähnt wird, das in Tschechien als Grundlage der Nachkriegsordnung gilt.
Foto: AP


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:08 von aj