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Der PC als elektronischer Maßschneider:

Erschwingliche Haute Couture

Berlin (gms) - Einkaufsbummel - nicht für jeden klingt das Wort verlockend. Schon gar nicht, wenn man mal wieder etwas zum Anziehen braucht und die eigenen Körpermaße der gängigen Industrie-Größennorm so gar nicht entsprechen. Mini-Röcke, die knapp unter dem Knie enden, Hosen, die man dreimal umschlagen muß, oder modische Stretch-Blusen, die selbst in XL noch so aussehen, als hätte man den Kleiderschrank des Sprößlings geplündert.

Schluß damit, dachten sich jetzt Experten der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft sowie des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktions-Technik (IPK) in Berlin. Im Auftrag des mediaCenters in Friedrichshafen, eines Multimedia- Forschungszentrums, schufen sie den elektronischen Maßschneider. Haute Couture für jedermann heißt ab sofort die Devise. Vorbei die Zeiten, als nur Stars, Angehörige von Adelshäusern und andere Superreiche ihre zu breiten Hüften, zu kurzen Beine und Bauchansätze mit Maßgeschneidertem geschickt verhüllen konnten. Jetzt kommt auch Otto Normalverbaucher zum Zug.

Meß- statt Umkleidekabine

Der Weg zur Haute Couture führt über eine Meßkabine, ähnlich einer Umkleidekabine. Hier wird die Körpersilhouette von einer Videokamera aufgenommen und von einem Computer erfaßt. "Die entwickelte Methode basiert nur vordergründig auf dem berührungslosen Messen des Körpers, tatsächlich aber vergleicht der Computer die individuelle Kundengröße mit der üblichen Konfektionsgröße. Dadurch liefert er sehr präzise Angaben für den maßgerechten Zuschnitt", erklärt der Fraunhofer-Experte Bertram Nickolay: Alle wichtigen Maße wie etwa Arm-, Bein- und Schrittlänge, Taillen-, Hüft-, Bauch- und Brustumfang werden per Daten-Highway an den Kleiderhersteller geschickt.

Dazu natürlich die individuellen Wünsche des Kunden wie Schnitt, Stoffqualität, Farben, Muster und diverse Accessoires wie Knöpfe, Reißverschlüsse, Schulterpolster oder Bundfalten. Diese Daten werden dann von einem Modelleur in dem Bekleidungswerk in ein Schnittmuster umgesetzt. Das Zuschneiden und das Nähen wird, wie bei herkömmlicher Mode von der Stange, von einer Maschine erledigt.

Bis zwanzig Prozent teurer als "von der Stange"

Rund eine Woche braucht die Kleiderfabrik, dann kann der Kunde seine neuen Kleider im Geschäft abholen - und das zu einem sensationell günstigen Preis. "Der Herstellungspreis liegt nur etwa zehn bis zwanzig Prozent über dem des Pendants von der Stange", so Nickolay. Ab etwa 500 Mark kann man also schon eine Maßkreation sein eigen nennen.

In den 50er Jahren und auch Anfang der 60er Jahre war es noch üblich, daß sich auch Normalverdienende von Zeit zu Zeit ein Kleid, Kostüm oder einen Anzug von ihrem Schneider anfertigen ließen - zu erschwinglichen Preisen, versteht sich. Danach hielt die Massenkonfektion Einzug, Individualität und auch normale Kleidergrößen wurden zu Fremdworten. Kleidung gab es fast nur noch in S, M, L oder XL, bei T-Shirts und Leggins ging der Trend sogar zur Einheitsgröße. Die Folge: Wer nicht der Norm entsprechende Formen aufweisen kann, hat halt Pech gehabt.

Vorerst nur Anzüge und Sakkos

In Berlin dürfen sich Käufer schon mal freuen: Denn hier startet gerade die Pilotphase mit dem neuen Body-Messer. Ab Februar werden sich die ersten Bekleidungsbetriebe in und um Berlin an die Arbeit machen. "Die Technik ist noch mit allerlei Risiken behaftet. Nach der Testphase bei uns im Institut muß das System jetzt unter realen Bedingungen seinen Wahrheitsbeweis antreten", sagt Nickolay. Leider hat die weibliche Kundschaft zuerst das Nachsehen: Für die Anfangszeit ist lediglich die Anfertigung von Anzügen und Sakkos geplant. Wenn jede Raffinesse beherrscht wird, sind auch die Damen dran. Vorraussichtlich Ende nächsten Jahres ist die erschwingliche Haute Couture auch bei Kleidern, Röcken, Kostümen und Hosenanzügen geplant.

Doch beim Fraunhofer-Institut hat man noch ganz andere Dinge im Auge. Gerade für den Versandhandel würde sich die neue Maßkonfektion für jedermann prima eignen. "Rund 40 Prozent aller Waren werden den Versandhäusern zurückgeschickt. Manchmal, weil sie nicht gefallen, sehr oft aber, weil sie schlicht nicht passen", erklärt Nickolay. Hier wäre beispielsweise eine persönliche Chipkarte denkbar, die alle Maße gespeichert hat. Sie könnte entweder beim Kauf in der Versandhaus-Filiale vorgezeigt werden oder bei Bestellung per Internet direkt ins System eingespeist werden.

Jeanskauf ohne Qualen?

Auch möglich: Die Jeans nach Maß. Wer kennt nicht die Qualen eines solchen Kaufs? Mindestens in ein Dutzend der blauen Hosen muß man sich meist in einer engen Umkleidekabine zwängen, bevor überhaupt ein Exemplar in die engere Wahl kommt. Der Jeans-Hersteller Levi's hat in vielen seiner US-Filialen bereits einen Computer stehen, in den man seine persönlichen Maße eingeben und dann eine maßgeschneiderte Jeans produzieren lassen kann.

Ebenfalls denkbar und von den Berliner Computer-Schneidern in Vorbereitung: maßgeschneiderte Berufskleidung. Nickolay: "Wenn sie beispielsweise in Berlin die Kleidung der U-Bahn-Fahrer sehen, wissen Sie, wie groß der Markt ist." In einer asiatischen Kleiderfabrik, die eng mit dem Berliner Institut zusammenarbeitet, werden schon die Uniformen der Soldaten des Landes maßgeschneidert.

Die maßgeschneiderte Zukunft hält noch mehr Möglichkeiten bereit. Wie wäre es beispielsweise, sich demnächst beim Kauf eines Abendkleides mit einem Virtual-Reality-Helm auf dem Kopf direkt auf den Wiener Opernball versetzen zu lassen, sich walzertanzend in der Robe zu erleben und auf Zuruf sogar das Outfit zu wechseln? Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg. Aber ein perfekt passender Anzug wäre ja schon mal ein Anfang. Foto: dpa


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:08 von aj