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Rinderwahn und Creutzfeld-Jacob ähnlich

Deutsche Forscher gehen von Übertragbarkeit auf Menschen aus

Bonn (AFP) - Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und Beschränkungen ist in Deutschland der fünfte Fall von sogenanntem Rinderwahnsinn aufgetreten. Die meist kurz BSE genannte "Bovine Spongiforme Enzephalopathie" ist seit gut zehn Jahren in Großbritannien bekannt. Seitdem sind dort mehr als hunderttausend Tiere an dieser unheilbaren schwammartigen Wucherung im Gehirn erkrankt. Unheimlich ist den Menschen der Rinderwahn vor allem, weil noch immer nicht geklärt ist, ob und wie sich die Seuche auf den Menschen übertragen läßt. Denn die Creutzfeld-Jacob-Krankheit beim Menschen weist ganz ähnliche Symptome auf.

BSE wurde ausgelöst durch die Verfütterung von Tiermehl aus Schafen, die mit Scrapie - auch bekannt als Traberkrankheit - infiziert waren. Mit dem Sprung vom Tier zum Schaf hat sich der Krankheitserreger nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts verändert und ist gefährlicher geworden. Das Institut warnt davor, daß damit auch andere Säugetiere angesteckt werden könnten. Die Infektion von Affen sei bereits nachgewiesen. Die Berliner Wissenschaftler gehen davon aus, daß eine Übertragbarkeit auf den Menschen besteht, auch wenn der letzte wissenschaftliche Beweis fehle. Unklar ist dagegen noch immer, ob infizierte Tiere, die noch keine Symptome aufweisen, die Krankheit weitergeben können.

Nicht nur durch Tierkörpermehl übertragen

Überholt ist inzwischen auch in Großbritannien die Ansicht, BSE werde nur durch Tierkörpermehl übertragen. Da diese Art der Fütterung dort bereits 1988 verboten wurde, hätte es bei einer Inkubationszeit von vier bis fünf Jahren ab 1993 kaum noch Fälle der Rinderseuche geben dürfen, verzeichnet wurden aber 37.000 Fälle. Danach ging die Zahl auf 26.000 (1994) und 15.000 Fälle (1995) zurück.

In Großbritannien sind inzwischen 14 Fälle einer neuartigen Creutzfeld-Jacob-Krankheit bekannt, die BSE stark ähnelt. Die erkrankten Menschen waren im Schnitt sehr viel jünger als bei der bekannten Variante und die Entwicklung bis zum Tode dauert sehr viel länger. In Deutschland gibt es bislang keine Fälle dieser neuen Variante. Erkrankungen der bisherigen Creuzfeldt-Jacob-Krankheit sind meist erblich bedingt oder werden durch Infektionen etwa bei Hirnhauttransplantationen ausgelöst. Die Wissenschaftler rechnen vor, daß weltweit auf eine Million Einwohner ein Fall von Creutzfeld-Jacob auftritt. Seit 1994 ist die Krankheit in Deutschland meldepflichtig.

Uneins über die Art des Erregers

Auch über die Art des Erregers ist die Wissenschaft noch uneins. Derzeit herrscht die Theorie vor, wonach BSE durch infektiöse Eiweiße ausgelöst werde. Das Robert-Koch-Institut vertritt dagegen die Ansicht, es müsse sich um ein besonders kleines Virus handeln. Danach wäre die Krankheit deutlich gefährlicher als beim ersten Ansatz. Das Robert-Koch-Institut forscht seit Ende der 80er Jahre über BSE. Bereits 1993 warnte es vor britischem Rindfleisch.

Wegen der Unklarheit der Übertragbarkeit richtete sich die Skepsis der EU-Partner Großbritanniens auch auf Rindfleischprodukte wie Gelatine, die aus Rinderhaut und -knochen hergestellt wird. Die europäische Arzneimittelagentur in London hat im vergangenen Jahr darauf hingewiesen, daß keine Medikamente auf den europäischen Markt gelangen, die britische Rindergelatine enthalten. In Großbritannien soll Milch aus BSE-Beständen nicht in den Handel geraten. In den anderen EU-Ländern gelten für Milch und Milchprodukte keine zusätzlichen Schutzmaßnahmen, weil Rinderwahn bisher noch nicht auf diesem Wege übertragen werden konnte.


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:08 von aj