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. . . Urteil gegen Vorurteile

Die Kinder sagten als Hauptzeugen und mutmaßliche Opfer erstmals in einem deutschen Gerichtsverfahren per Videoübertragung aus. Indes: "Eine Verurteilung der Angeklagten war mit den Aussagen der zehn Kinder nicht zu begründen", betonte Lorenz, der schon in 15 Prozessen auch leugnende Mißbrauchstäter verurteilte. Die Videomethode, mit der das Gericht sich auf juristisches Neuland wagte, habe sich im Grundsatz bewährt. Besser wäre es dem Gericht zufolge gewesen, wenn alle Vernehmungen von Beginn an gefilmt worden wären.

Richter: Kinder in Dinge hineingefragt

Denn vor allem die Wormser Kinderschützerin habe ihre Schützlinge nachhaltig beeinflußt. Sie und der Arzt, sagte Lorenz, "die haben sich gegenseitig angefeuert". In die Kinder seien Dinge hineingefragt worden. Wahres und Erfundenes in ihren Aussagen seien schließlich auch von Gutachtern nicht mehr klar zu trennen gewesen. Ein Kinderschutzdienst wie die Organisation "Wildwasser" sei zwar "eine höchst verdienstvolle Einrichtung", meinte der Richter. Aber "es ist nicht die Aufgabe dieser Einrichtung, Straftaten aufzudecken."

Dies sei Aufgabe der Staatsanwaltschaft. Richter Lorenz nahm die Staatsanwälte, die das Gericht in ihrem Plädoyer noch heftig angegriffen hatten, in Schutz: "Wenn ich der ermittelnde Staatsanwalt gewesen wäre und in der Situation der beiden Staatsanwältinnen damals, hätte ich mit hoher Wahrscheinlichkeit diese Anklage auch geschrieben." Doch im Laufe der 83 Verhandlungstage seien die Zweifel immer stärker, die Widersprüche immer offensichtlicher geworden.

Kinderporno-Ring nie aufgetaucht

Ein Video als Beweis für einen behaupteten Kinderporno-Ring sei nie aufgetaucht; zwei Mädchen, die sich erwiesenermaßen nie gesehen haben könnten, sollten gemeinsam mißbraucht worden sein; ein Junge sei zur behaupteten Tatzeit sonntags weit vom angeblichen Tatort in Worms entfernt gewesen; Zeugenaussagen hätten sich als falsch herausgestellt. "Es wäre fair gewesen, wenn die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer darauf nur mit einem Satz eingegangen wäre", wiederholte der Richter in seiner mündlichen Begründung mehrfach.

"Alles Gute beim Aufbau ihres neuen Lebens"

Lorenz betonte, die fünf Freisprüche in diesem Verfahren "Worms drei" seien kein Präjudiz für das noch ausstehende Urteil im Parallelprozeß "Worms zwei". Sie seien auch unabhängig vom Prozeß "Worms eins", in dem die Richter vor Weihnachten sechs Angeklagte letztlich aus Mangel an handfesten Beweisen freisprachen. Die Freigesprochenen erhalten eine Entschädigung für die mehr als zweijährige Untersuchungshaft. "Wir wünschen", schloß Richter Lorenz, "den Angeklagten alles Gute beim Aufbau ihres neuen Lebens." Von Roland Siegloff

Letzte Änderung: 08.04.1997 18:08 von aj