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"Er mag unsere Mäuse . . .
. . . und bindet uns einen Bären auf"

Aachen (AP) Böse Zungen hatten am Vorabend der Festsitzung gemeint, Theo Waigel erhalte den Orden wider den tierischen Ernst vom Aachener Karnevalsverein (AKV) nur deshalb, weil die Steuerreform ein Witz sei. Diesen Vorwurf ließ der Bundesfinanzminister und CSU-Vorsitzende aber nicht auf sich sitzen.

Als Raubritter Theodor bewies er bei der Ordensverleihung am Samstag vor 1300 Zuschauern Witz und Schlagfertigkeit So fiel es dem scheidenden AKV-Präsidenten Georg Helg nicht schwer, zu begründen, warum Theo Waigel die hohe närrische Auszeichnung verdiene.

Im prächtigen Bühnenbild eines Brauhauses begrüßte Renate Schmidt, bayerische SPD-Vorsitzende und Ritterin seit 1994, als Drei-Sterne-Köchin alle Ordensritter. Bundesarbeitsminister Norbert Blüm und der CDU-Sozialpolitiker Heiner Geißler, die ihr Kommen zugesagt hatten, fehlten allerdings. Sie seien verschnupft über die Steuerreform, meinte Renate Schmidt und riet ihnen: "Ihr solltet Euren Schnupfen nicht in Aachen austragen, sondern in Bonn mit Rückgrat kämpfen."

Prominente und geschaßte Prominenz einträchtig beieinander

Eingebettet in ein schwungvolles Programm, das eine bunte Palette des Aachener Karnevals präsentierte, führten Ordensknappe Armin Halle als Staatsanwalt und der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Jürgen Möllemann als Verteidiger eine Güteverhandlung in Sachen Waigel. Pragmatisch tat Möllemann für seinen Mandanten eine neue Geldquelle auf und empfahl "preiswerte Last-Minute-Flüge auf der Rühe-Airline mit Rita nach Zürich".

Mit Waigel zu einem kleinen Vermögen

Die Laudatio auf Waigel hielt Lothar Spät, (Bild unten) der angesichts der Sparmaßnahmen als Schotte auftrat. Der ehemalige Ministerpräsident aus Schwaben lobte seinen neuen Ordensbruder: "Er ist nicht so einer wie Genscher oder Kinkel, die immer in der Welt herumreisen und gucken, wo das deutsche Geld benötigt wird. Nein, er ist der, der immer in der Welt herumreist und sucht, wo das deutsche Geld geblieben ist." Außerdem sei Ritter Theo tierlieb: "Er mag unsere Mäuse, bindet uns ab und zu einen Bären auf, igelt sich manchmal ein und stürzt sich wie ein Habicht auf die Opposition. Trotzdem ist er kein Paradiesvogel, sondern ein Lastesel."

Geleitet vom einer Trachtenkapelle betrat dann Waigel "als bayerischer Bundes-Raubritter Theodor" den Vogelbauer, um der Tradition entsprechend seine Ritterrede zu halten. Über seine "Parteifreunde" von CSU und CDU wußte er zu sagen: "Wo immer ich als Bundesfinanzminister im Feuer stehe, da weiß ich, meine treuen Freunde stellen sich mutig vor mich hin - solange sie sicher sind, daß nur von hinten geschossen wird. Aber, auch wenn die Speere von vorne kommen, stehen sie geschlossen hinter mir. " Dabei könne man mit ihm zu einem kleinen Vermögen kommen - "wenn man vorher ein großes hatte".

Einmal an Renates Brust

Angesichts des Sessionsordens mit dem Porträt des neuen Ritters, der an die Teilnehmer im Aachener Eurogress verteilt wurde, äußerte Waigel tiefe Befriedigung darüber, wenigstens auf diesem Wege für ein paar Stunden an der Brust von Renate Schmidt ruhen zu dürfen.

Obwohl Waigel im Vorfeld als Ordensritter umstritten war, überzeugte sein Humor das Publikum. Die abschließende Überreichung des Ordens wurde zu einem umjubelten Akt. Peter Langohr, Fotos: AP


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:09 von jo