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"Geh dahin, wo Du hergekommen bist"

Dialog über NS-Verbrechen - Süssmuth macht der Jugend Mut

Bonn (AP) - Voller Bitternis beklagte ein junger Jude am Montag beim Dialog mit Politikern über NS-Verbrechen ein aktuelles Beispiel von Antisemitismus. "Geh dahin, wo Du hergekommen bist", habe ihm eine alte Frau in Düsseldorf zugerufen, als er Flugblätter verteilte. Und voller Wut habe er, als in Deutschland Geborener, geantwortet: "Ich bin da, wo ich herkomme." Dies war eine von vielen Erfahrungen, die rund 200 Jugendliche im Alter von 17 bis 25 Jahren bewegte. Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth hatte sie zur Diskussion eingeladen.

Junge Leute aus allen Bundesländern, darunter Juden, Sinti und Roma sowie eine Gruppe aus Polen, waren vorher Gast bei der nationalen Holocaust-Gedenkfeier in Anwesenheit von Bundespräsident Roman Herzog und Bundeskanzler Helmut Kohl im Bundestag. Anschließend fanden sie in Süssmuth eine interessierte Zuhörerin. Sie ermutigte wie der SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi die junge Generation zu "mehr Zivilcourage" im Alltag. "Immer da eintreten, wo es um Gerechtigkeit geht", riet Dohnanyi. Auch mal Nein sagen, wenn ein Mitschüler durch Lehrer benachteiligt werde.

Süssmuth: Bewußtsein für die Probleme vorhanden

Süssmuth widersprach dem Zweifel, junge Leute könnten Schmerz und Trauer über die NS-Verbrechen schon deshalb nicht ausreichend empfinden, weil sie die mörderische Zeit nicht erlebt hätten. "Es ist sehr beeindruckend, wie das Bewußtsein für die Probleme vorhanden ist", lobte Süssmuth. Von Rassenhaß und Ausländerfeindlichkeit enttäuschten Jugendlichen riet sie, sich "die guten Deutschen" zum Vorbild zu nehmen. Es dürfe wegen gefährlicher Radikaler nicht das gesamte Ansehen der Bundesrepublik geschädigt werden. "Verschließen Sie sich nicht den vielen positiven Signalen", bat Süssmuth. Und als Trost galt der Hinweis: "Auch Politiker erhalten manchmal Briefe, die grausam sind."

Der ostdeutsche Bürgerrechtler Konrad Weiß erhielt Beifall von den Jugendlichen, als er Entschädigung für alle NS-Opfer forderte. Bereits mit 25 Jahren hatte er in der damals in der DDR verbotenen Aktion Sühnezeichen für Versöhnung gewirkt. Sich engagieren für die Freiheit, sei stets angesagt; nicht alles als gegeben hinnehmen.

Schmerz, Gefühle und Dankbarkeit

Befragt nach Gefühlen bei der Gedenkfeier im Bundestag, erklärte Michel Friedman vom Zentralrat der Juden in Deutschland, er habe an die Verwandten gedacht, die er nicht kennenlernte, "weil sie die Deutschen umgebracht hatten". Er habe aber auch an Deutsche gedacht, die in der Nazi-Zeit Juden zum Überleben geholfen hätten. "Antisemitismus ist keine deutsche Erfindung, aber Auschwitz", erinnerte Friedman. In dem Deutschland von heute lebe er gerne.

Im Zwiespalt der Gefühle von Schmerz, Verachtung, Verzeihung, Nichtbegreifen und Dankbarkeit bewegte sich die Diskussion: Was gehen uns als junge Menschen heute noch die Verbrechen des Nationalsozialismus und der Holocaust an? Übereinstimmung gab es dabei für die Pflicht zur Wachsamkeit, daß sich derartige Verbrechen niemals wiederholen. Der Intendant des Ostdeutschen Rundfunks, Hansjürgen Rosenbauer, stellte die Frage nach der Zivilcourage im Alltag. Wie solle sich ein körperlich unterlegener Bürger bei einer ausländerfeindlichen Auseinandersetzung in der Straßenbahn verhalten? Das Problem blieb an diesem Tag ungelöst. Viele Jugendliche baten die Bundestagspräsidentin, den Dialog über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fortzusetzen.

Das AP-Foto zeigt eine Gruppe Jugendlicher beim Besuch des ehemaligen Todeslagers Auschwitz Birkenfeld


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:09 von aj