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Unwort des Jahres

"Rentnerschwemme": Alte Menschen als Naturkatastrophe

Frankfurt/M (AP) - "Rentnerschwemme" lautet das Unwort des Jahres 1996. Eine Jury von sechs Sprachwissenschaftlern und Schriftstellern wählte diesen Begriff aus, weil er die gestiegene Zahl alter Menschen als Naturkatastrophe erscheinen lasse, gegen die sich die Gesellschaft schützen müsse. "Rentnerschwemme" sei ein inhumanes und gefährliches sprachliches Bild, erklärte der Juryvorsitzende, der Germanistikprofessor Horst Dieter Schlosser, am Dienstag in Frankfurt am Main.

Als weitere Unwörter rügte das Gremium "Flexibilisierung", "Outsourcing", "Umbau des Sozialstaats", "Gesundheitsreform" und "Sozialhygiene". Schlosser räumte ein, daß das Unwort "Rentnerschwemme" selten gebraucht werde. Er könne nicht einmal sagen, wo es jemals verwendet worden sei. Unter den 1.877 aus der Bevölkerung eingesandten Vorschlägen sei es aber drei Mal aufgeführt worden. "Es ist eine gefährliche Kopplung von Sozialpolitik und Naturereignis", sagte der Frankfurter Sprachwissenschaftler. Der Begriff erwecke den Eindruck, die gestiegene Zahl von Menschen, die Anspruch auf angemessene Altersversorgung hätten, sei "eine nicht vorhersehbare Naturkatastrophe, gegen die man sich mit 'unpopulären' Maßnahmen schützen müsse".

Unterschwellige Bedrohungsgefühle

Der Ausdruck sei gefährlicher als das im vergangenen Jahr gerügte Unwort "Altenplage", weil es nicht so deutlich mit dem Kampfbegriff Plage operiere, sondern nur unterschwellig ein Bedrohungsgefühl wecke. Wie die ebenfalls unangemessenen Naturbilder "Asylantenflut", "Schülerberg" und "Versorgungsberg" im öffentlichen Dienst lasse "Rentnerschwemme" verkennen, daß die bezeichnete Tatsache Ergebnis eines von Menschen verantworteten Handelns sei.

Der Jury gehören neben Schlosser die Professoren Albrecht Greule (Regensburg), Margot Heinemann (Zittau) und Rudolf Hoberg (Darmstadt) sowie der Schriftsteller Erich Loest und der Kabarettist Bernd-Lutz Lange an. Schlosser sagte, der im vergangenen Jahr als Unwort des Jahres gerügte, schönfärberische Begriff "Diätenanpassung" werde nach seinem Eindruck seltener verwendet. "Wir wollen nicht tabuisieren, aber empfindlicher für den Sprachgebrauch machen."

"Flexibilisierung" und "Outsourcing" gerügt

Von den Einsendern am häufigsten als Unwort vorgeschlagen wurde "Sparpaket", das von der Gesellschaft für deutsche Sprache als Wort des Jahres benannt worden ist. Es folgten "Rechtschreibreform", "Kids" und auf dem achten Platz "Unwort". Schlosser sagte, die Jury achte bei ihrer Auswahl nicht auf die Zahl der Einsendungen, um Manipulationen auszuschließen.

Den Begriff "Flexibilisierung" rügte die Jury, weil er eine positiv bewertete Fähigkeit eines einzelnen Menschen auf eine betriebswirtschaftliche Strategie anwende, die Menschen zum Verzicht auf Tätigkeiten zwinge. Diese Bezeichnung sei auch von Einsendern aus der Schweiz kritisiert worden. "Outsourcing" kritisierte Schlosser als "ein echtes Imponierwort, mit dem sich Fachleute ein wenig besoffen gemacht haben". Das verschleiernde Fremdwort stehe für die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch Auslagerung von Produktionszweigen aus einem Unternehmen.

"Propagandalügen": Umbau und Reform

Der "Umbau des Sozialstaates" wecke positive Assoziationen und suggeriere, daß der Sozialstaat im wesentlichen unverändert bleibe. Die Jury bezweifle zwar nicht, daß die Wirtschaftslage schmerzhafte Änderungen notwendig mache. Wer aber sprachlich so tue, als handle es sich um die Sicherung des Bisherigen, operiere mit einer Propagandalüge. Den Ausdruck "Gesundheitsreform" rügte die Jury als Beschönigung für deutliche Einschränkungen bisheriger Versicherungsleistungen. Das Wort "Sozialhygiene" wurde nach Schlossers Angaben von Berliner Behörden verwendet, um die Abschiebung eines ausländischen Straftäters zu begründen. Es erinnere an die "Rassehygiene" der Nazis. Foto: dpa

Letzte Änderung: 08.04.1997 18:09 von aj