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Virtuelles Haustier ist in Japan der Hit

"Tamagotch" kann die Pflegeeltern zum Wahnsinn treiben - Plastik-Ei

Tokio (AFP) - In manchem ist der "Tamagotch" wie ein Baby. Mitten in der Nacht schreit er nach Nahrung. Oder er hat irgendein Wehwehchen. Und wenn seine Bezugsperson kein pädagogisches Geschick zeigt, dann entwickelt er sich zum Quälgeist. Dann gibt es keine ruhige Minute mehr. Oder noch schlimmer: Der "Tamagotch" stirbt, an Kummer oder an Überernährung.

Der "Tamagotch" ist nichts anderes als der jüngste Gag der japanischen Spielzeugindustrie: ein virtuelles Haustier mit ein paar Knöpfen für die Bedienung und einem elektronischen Innenleben. Aber die Bezugspersonen können das anscheinend nicht ganz auseinanderhalten. Sie entwickeln zu dem kleinen Spieltier eine emotionale Beziehung. Vor allem halbreife Schülerinnen setzen alles daran, es dem "Tamagotch" recht und bequem zu machen.

Eine Woche Lebensdauer

Bei einem Preis von 1980 Yen (rund 27 Mark) hat der "Tamagotch" eine durchschnittliche Lebensdauer von einer Woche. Das Elektronik-Spielzeug sieht wie ein Ei aus ("tamago" heißt Ei auf japanisch). Auf dem Plastik-Ei ist ein rechteckiger Bildschirm mit Flüssigkristallen und ein paar Knöpfen angebracht. Leicht läßt sich das virtuelle Tier herumtragen.

Der Hersteller, die Firma Bandai, hatte das neuartige Spielzeug vor der Marktreife intensiv getestet. Schon nach der Verteilung von 1000 Probe-Eiern zeichnete sich ein großer Publikumserfolg ab. Aber das Ausmaß der Begeisterung wurde doch unterschätzt. Vom 23. November, der Markteinführung, bis zum Jahresende wurden bereits 350.000 "Tamagotchs" abgesetzt. Die Produktion kam nicht mehr nach, die Projektionen wurden ständig höhergerechnet. Inzwischen verspricht sich Bandai eine Gesamtverkaufszahl von drei Millionen.

Füttern und Ausscheidungen beseitigen

Wenn das Tier erstmals auf dem Bildschirm erscheint, wirkt es wie ein Küken. Sobald es das Licht der Menschenwelt erblickt hat, bleibt es fortlaufend auf Sendung. Die Bezugsperson ist jetzt für die Ernährung und für die Pflege zuständig und muß sogar die Ausscheidungen beseitigen. Wenn der "Tamagotch" etwas falsch macht, darf - und muß - er zurechtgewiesen werden. Auch Belohnungen sind möglich, beispielsweise Süßigkeiten. Aber wenn dem "Tamagotch" zuviel zugesteckt wird, setzt er Fettringe an, wird unansehnlich und krank.

Nach durchschnittlich fünf Tagen ist das virtuelle Tier herangereift, schon nach einer Woche oder zehn Tagen kann der Tod eintreten. Aber das hängt alles davon ab, ob die Betreuung stimmt. Deshalb muß das Tier überallhin mitgenommen werden, ob in die Schule oder zur Arbeit. Wenn der "Tamagotch" Hunger hat, piepst er. Das kann natürlich auch in der Nacht oder im Büro passieren. Wenn die Bezugsperson damit nicht fertig wird, ist die Katastrophe vorprogrammiert.

Zum Zwanzigfachen des Ladenpreises weiterverkauft

"Mein Tamagotchentwickelt sich jedesmal zu einem verwöhnten Kind", sagt Aki Maita, eine junge Frau, die für Bandai als Versuchsperson auftritt. "Ich weiß gar nicht, wie ich es hinkriegen soll, daß er einen guten Charakter entwickelt." Von anderen hat sie gehört, Nahrungsentzug könne weiterhelfen. Die Firma hat herausgefunden, daß das Eier-Tier vor allem bei Mädchen gut ankommt. In vielen Fällen ist es wie Liebe auf den ersten Blick. Und von den Schulhöfen ist das virtuelle Haustier inzwischen in die Berufswelt eingezogen. Manch eine Büroangestellte hegt heimlich ihren "Tamagotch". Die Tiere sind in mehreren Farben lieferbar, besonders die Weißen werden überall gesucht und zum Teil zum Zwanzigfachen des Ladenpreises weiterverkauft.

"Virtuelles Idol"

Die Eier-Tiere sind nicht die ersten virtuellen Spielzeuge, die in Japan Erfolg haben. Im vergangenen Sommer war die Näherin Kyoko Date in aller Munde. Das 16jährige Mädchen, ein "virtuelles Idol", bewegte sich ganz real zwischen den Medien. Redegewandt und hübsch anzusehen entsprang Kyoko dem Computer, von dort wechselte sie leichtfüßig in die Welt der Werbung und der Popmusik. Und alle hatten sie lieb. Foto: dpa

Letzte Änderung: 08.04.1997 18:09 von aj