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Kleine Fliege mit grünen Augen blieb . . .

40 Millionen Jahre unentdeckt

Stralsund (dpa) - Als der Stralsunder Rentner Bruno Endrußeit bei einem Händler vor Jahren einen Bernstein kaufte, ahnte er nichts von dessen wertvollem Inhalt. In dem Inklusenstein genannten gelblichen Gebilde ist seit 40 Millionen Jahren eine Köcherfliege mit leuchtend grünen Augen eingeschlossen. Eine Sensation, meinen Experten, denn diese Insektenart war bisher unbekannt.

Klar war bislang, daß es in den subtropischen Wäldern rund um die Ostsee vor 40 bis 50 Millionen Jahren vor allem massenhaft Mücken gab. Als die Wälder damals überflutet wurden, schloß das Harz der Bäume die Urzeit-Moskitos ein und sorgt heute für Freude bei Sammlern wie Endrußeit: Ein Bernstein mit einer eingeschlossenen Mücke ist schön anzusehen und ein begehrtes Schmuckstück. Sehr viel seltener dagegen gibt es einen Bernstein mit eingeschlossenen Fliegen.

1994 hatte Endrußeit den Stein auf einer Mineralienbörse in Hamburg für rund 50 Mark gekauft. "Das fünf Millimeter große Insekt mit den großen grünen Augen konnte ich nicht einordnen", berichtet der 76jährige. "Es war in keinem Fachbuch erwähnt." Also schickte er den Bernstein an den Bonner Wissenschaftler Wilfried Wichard, der ihm bereits zuvor einige Male bei der Identifizierung von eingeschlossenen Lebewesen geholfen hatte.

Einmaliges Exemplar einer Art der Köcherfliege

"Wichard stellte fest, daß es sich um ein einmaliges Exemplar einer noch nicht bekannten Art der Köcherfliege handelt", erläutert Endrußeit. Als Gastprofessor an der Universität Hamburg habe der Experte ihn dann gebeten, den nur drei Zentimeter großen Stein den dortigen wissenschaftlichen Sammlungen zu stiften.

"Es war schon eine Überwindung für mich, die Fliege abzugeben - sie ist so schön", schwärmt Endrußeit. Doch im Dienste der Wissenschaft lenkte er ein und übergab das Köcherfliegen-Männchen dem Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum der Universität. Die wissenschaftlichen Untersuchungen dauerten fast drei Jahre und wurden erst in diesem Januar publiziert. Trost für den Rentner: Das in Baltischem Bernstein eingeschlossene Tier trägt nun seinen Namen und geht als "Nyctiophylax endrusseti" in die Geschichte ein.

Schon seit 30 Jahren ist der Stralsunder leidenschaftlicher Sammler. Bis vor drei Jahren befaßte er sich vor allem mit Meerestieren, die in Sedimentgestein eingeschlossen sind. Dann wandte er sich dem Bernstein zu und sammelt seitdem die in Harz eingeschlossenen Lebewesen. Daß ihm nach der Köcherfliege noch einmal ein solcher Fund gelingen könnte, glaubt Endrußeit nicht. Seine Sammelleidenschaft wird ihn trotzdem nicht loslassen. "Ich lese weiter wissenschaftliche Literatur über Insekten, um geistig fit zu bleiben." Foto: dpa


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:09 von aj