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Außer Kontrolle?

Warum der Karneval die Hemmungen schwinden läßt

Kön (gms) - Oma Neugebauer ist total jeck. Wenn die 80jährige beim Karneval in ihrem Heimatort Horrem bei Köln das Gefühl hat, trotz ihrer Verkleidung erkannt zu werden, geht sie schnell nach Hause und zieht sich um. Denn daheim im Kleiderschrank warten stets noch zwei weitere Kostüme auf ihren Einsatz. Frisch verwandelt stürzt sie sich dann erneut ins Getümmel.

Einmal im Jahr wird Oma Neugebauer eben närrisch; und keiner denkt sich was dabei, denn Hunderttausenden geht es genauso. Wie sollte man auch eine vernünftige Erklärung dafür abgeben, daß erwachsene Menschen allein beim Kölner Karneval im vergangenen Jahr 140 Tonnen Kamellen geschmissen und andere sie aufgefangen haben? Daß sich wildfremde Menschen an Weiberfastnacht auf den Straßen in den Armen liegen und schunkeln und die Arbeit einfach liegenlassen? Abgesehen vom Norden herrscht im Rest der Republik Anfang Februar der totale Ausnahmezustand. Doch was steckt dahinter?

Zügelloses Treiben im Mittelalter

Im Mittelalter hatte das zügellose Treiben, hervorgegangen aus uralten heidnischen Bräuchen zur Vertreibung der winterlichen Dämonen, noch eine ganz klare Funktion. Denn das tägliche Leben war hart, von vielen Zwängen bestimmt, und die Sitten waren strenger - da hatte die kollektive Auszeit eine enorm befreiende Wirkung. Heutzutage können die Menschen feiern, so oft sie wollen, und den persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten werden monatlich neue Spielarten hinzugefügt - und trotzdem ist der Karneval beliebt wie eh und je.

Die Kneipen am Alten Markt in Köln platzen aus allen Nähten, wildfremde Menschen kommen sich so nahe wie nie zuvor, und alle gemeinsam teilen sie den Rausch. Die Hamburger Psychologin Angelika Faas glaubt zu wissen, warum einmal im Jahr "die Sau rausgelassen" werden muß: "Das heißt ja auch, sich selbst von säuischen Impulsen zu befreien. Der Karneval erleichtert ungemein. Außerdem setzt er die geltenden Gesetze außer Kraft und ist offiziell erlaubt."

Fastnachtszeit ist keine unendliche Orgie

Damit kein falsches Bild entsteht: Die Faschingszeit ist keine unendliche Orgie. Entgegen der landläufigen Meinung sind die Entbindungsstationen neun Monate später im November leerer als sonst. Auch während des Karnevals gelten Regeln, aber: Was sonst nicht normal ist, wird zur Norm erhoben. Keiner muß befürchten, nach Entgleisungen bestraft zu werden. Endlich einmal kann die Kontrolle aufgegeben werden, endlich sind alle Menschen Brüder, zumindest bis zum Aschermittwoch. "Der Fasching gleicht aus, was man sonst vermißt. Man darf sich auch viel weiter vorwagen, weil man keine Konsequenzen fürchten muß. Wenn wir uns das ganze Jahr über menschlich so aufwärmen und mit allen verbrüdern würden, könnte das kein Mensch aushalten", analysiert die Psychologin.

Büromäuschen wird zur strahlenden Diva

"Einmal sich als andrer fühlen, mit dem Ernst des Lebens spielen, einmal - sei's auch nur zum Schein - kurze Zeit ein Narr zu sein", heißt es in einem alten Lied. Da verwandelt sich das stille Büromäuschen in eine strahlende Diva, und den biederen Buchhalter erkennt man im Rosenmontagszug gerade noch an der Hornbrille, die er zur Narrenkappe trägt. Maskiert spielen beide ihre neugewonnene Rolle nach Herzenslust aus. Der Eintritt in die "Gegenwelt" ist denkbar einfach: Meist reichen ein paar bunte Tupfer Schminke im Gesicht. Doch die Verwandlung zur Faschingszeit will wohl überlegt sein. An die Frage "Als was gehe ich dieses Jahr bloß?" verwenden Karnevalisten viel mehr als nur einen Gedanken. Da wird wochenlang ganz ernsthaft mit Freunden diskutiert, was für den Matrosen und wider den Clown spricht. Und Oma Neugebauer näht schon im Sommer an den drei Kostümen für die nächste Session.

Aschermittwoch bremst "gesetzlose Anarchie"

Schließlich muß entschieden werden, welche Seite der Persönlichkeit dieses Jahr besonders betont werden soll. Man verbirgt sich hinter einer Maske oder einem Kostüm, damit verborgene Seiten hervorkommen können: "Wenn ich mich von der eigenen Alltagsperson distanziere, kann ich Facetten zeigen, die sonst wegen der gesellschaftlichen Normen zurückgehalten werden müssen", sagt Angelika Faas. Die 80jährige Dame aus Horrem setzt sogar noch einen drauf: "Sie hat Seiten, für die sie im Alltag nicht einstehen will und auf die sie später auch nicht festgelegt werden möchte" erklärt Faas deren ungewöhnliches Verhalten. "Deshalb 'verwandelt' sie sich mehrfach. Durch das Umziehen zwischendurch erweitert sie sogar noch das Spiel mit den eigenen Möglichkeiten."

Was der ganzen Narretei erheblich hilft, ist die Tatsache, daß der Spuk nach ein paar Tagen wieder vorbei ist. Somit steht von vornherein fest, daß der Karneval nicht etwa in gesetzloser Anarchie mündet. Und wenn in der Fastnacht, der Nacht zu Aschermittwoch, um kurz vor Mitternacht auf einmal Stille einkehrt in den kölschen Kneipen, Kerzen angezündet werden und der Karneval bei ruhiger Musik langsam ausklingt, werden die Pappnasen ohne Murren wieder abgebunden. Am nächsten Tag ist alles wieder beim alten. Insofern wirkt der Karneval sogar normenstabilisierend.

Was die Hamburger Psychologin auch nicht erklären kann: Wann die Nordlichter mal so richtig Dampf ablassen. Versuche, den Karneval wie vor der Reformation wieder im Norden zu etablieren, sind bisher in den Kinderschuhen steckengeblieben. Foto: dpa


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:09 von aj