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Ein Dorf steht unter Verdacht

Dolgenbrodter sollen für Anschlag auf Asylbewerberheim gesammelt haben

Dolgenbrodt (AP) - Mal bellt ein Hund, mal schnattern Gänse wild ducheinander, eine Kreissäge kreischt. Sonst stört kaum ein Laut die morgendliche Stille in Dolgenbrodt. Die 260-Seelen-Gemeinde südöstlich von Berlin liegt zwischen zwei Seen, für Erholungssuchende ideal. Doch die Idylle ist trügerisch. Seit ein schwerer Verdacht auf dem Ort lastet, ist Dolgenbrodt zum Symbol für den häßlichen Deutschen geworden. Erneut sind Vorwürfe lautgeworden, Einwohner hätten für das Niederbrennen eines Asylbewerberheims in ihrem Dorf 1992 Geld gesammelt. "Völlig ungerechtfertigt", findet Bürgermeister Karl Pfannenschwarz (Foto).

Die Stimmung unter den Dorfbewohnern entspricht nicht gerade dem Reiz der Landschaft. Viele sind aggressiv und besonders wütend auf die Medien, die wie vor vier Jahren nach dem Anschlag wie die Heuschrecken über die Gemeinde herfallen. Wer dieser Tage nach dem Asylbewerberheim fragt, "das damals abgefackelt wurde", bekommt, wenn überhaupt, eine patzige Antwort. Oder die Leute geben sich als die Unschuld vom Lande. Ein Dolgenbrodter, der in Sichtweite des niedergebrannten Heimes wohnt, hat "keine Ahnung", wo das Gelände des früheren Kinderheimes ist. Ein anderer sagt entnervt: "Ach, lassen Sie uns doch in Ruhe. Sie machen das ganze Volk verrückt."

"Die Leute sind sehr bedrückt," sagt Pfannenschwarz, seit 1993 Bürgermeister von Dolgenbrodt. "Wir haben jetzt wieder eine Journalistenschwemme im Ort, das sind die Leute nicht gewöhnt, alle sind verunsichert." Den Verdacht, daß Dorfbewohner für den Brandanschlag gesammelt hätten, weist der Bürgermeister zurück: "Das sind doch nur Schutzbehauptungen des verurteilten Brandstifters. Den werde ich wegen Meineids anzeigen. Da ist doch nichts bewiesen." Doch das sieht offenbar die Staatsanwaltschaft ganz anders.

Staatsanwältin: Aussagen detailliert abgesprochen

"Die Hinweise verdichten sich, daß für den Anschlag gesammelt wurde", sagt Staatsanwältin Petra Marx. Sie sei überzeugt, daß eine Mehrheit der Dorfbewohner hinter der Brandstiftung stehe. Sämtliche Zeugenaussagen im Prozeß gegen den Brandstifter seien vorher detailliert abgesprochen worden. Jetzt wurde in Dolgenbrodt ein 40jähriger Blumenhändler festgenommen. Er wohnte neben dem Grundstück, auf dem das Asylheim stand, soll der Drahtzieher des Anschlags sein und dem inzwischen verurteilten Brandstifter Silvio J. 2.000 Mark Belohnung und 10.000 Mark Schweigegeld gezahlt haben.

Ein 23jähriger hat gestanden, daß er die bei dem Anschlag benutzten Molotow-Cocktails gebastelt und den Kontakt zwischen dem Blumenhändler und dem Brandstifter hergestellt habe. Frau Marx rechnet mit weiteren Verfahren gegen Dorfbewohner wegen falscher uneidlicher Aussage, Meineids und Hilfe zur Anstiftung.

"Keiner war traurig über diese Lösung"

Das Heim brannte in der Nacht zum 1. November 1992 vollständig aus. Am nächsten Tag hätten dort 86 Asylbewerber einziehen sollen. In dem Dorf hatte es zuvor erheblichen Widerstand gegen das geplante Heim gegeben. "Der Brand löste das Problem", hieß es danach. "Hier war keiner traurig über diese Lösung", sagte die damalige Bürgermeisterin Ute Preißler. Zeitungen berichteten seinerzeit, Bewohner hätten nach dem Brand den geglückten Coup in der Dorfkneipe begossen.

1993 wurde der damals 19jährige Skinhead Silvio J. als Verdächtiger festgenommen. Er beschuldigte schon damals Dorfbewohner, für den Anschlag bezahlt und logistische Unterstützung geleistet zu haben. Im vergangenen Jahr wurde Silvio J. als Brandstifter zu zwei Jahren Bewährungsstrafe verurteilt, das Urteil ist inzwischen rechtskräftig. In ihrer Urteilsbegründung betonten die Richter, daß auch die Dolgenbrodter Mitverantwortung an der Tat trügen, weil sie sich vehement gegen das Heim gewehrt hätten.

"Ich habe hier noch nie Ausländerfeindlichkeit gespürt."

Bürgermeister Pfannenschwarz nimmt seine Mitbürger in Schutz: "Ich habe hier noch nie Ausländerfeindlichkeit gespürt." Im Gegenteil: Das Dorf habe schon Feste für Ausländer organisiert. Zwar habe sich die Bevölkerung 1992 gegen das geplante Asylbewerberheim gewandt, aber mit Abneigung gegen Ausländer allgemein habe das nichts zu tun: "Damals hatten alle Angst, daß Rumänen und Sinti und Roma hierherkommen. Unser Dorf ist langgestreckt, das kann man doch nicht bewachen." Einquartiert werden sollten damals ausschließlich Schwarzafrikaner. Foto: AP

Letzte Änderung: 08.04.1997 18:09 von aj