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Rücktritt nach fast 20 Jahren

Mutter-Rolle stoppt Fecht-Sucht

Anja Fichtel-Mauritz in der achten Woche schwanger - Frieden mit Beck

Tauberbischofsheim (sid) Ihr Name steht für die jahrelange Vormachtstellung der deutschen Florettfechterinnen auf internationaler Planche: Anja Fichtel-Mauritz, 1988 in Seoul Doppel-Olympiasiegerin, tritt endgültig ab. Fast beiläufig verkündete die 28jährige am Sonntag in Tauberbischofsheim das definitive Ende ihrer fast 20jährigen Karriere.

Die Erfüllung ihres größten Wunsches zwingt die deutsche Rekordmeisterin (zehn Titel) zur Aufgabe. Anja Fichtel-Mauritz ist in der achten Woche schwanger und wird in diesem Jahr ihr zweites Kind bekommen. Auch eine rätselhafte Krankheit - eine Störung des Dünndarmsystems (Zöliakie) - war mitausschlaggebend für ihre Entscheidung. Die ohnehin labile Sportlerin muß für den Rest ihres Lebens Diät halten und unter ärztlicher Aufsicht stehen.

"Ich habe gemerkt, daß meine Zeit vorbei ist, auch durch die Krankheit. Vorher war das Fechten wie eine Sucht für mich. Der Rücktritt fällt mir sehr schwer. In mir gab es immer zwei Menschen, die Fechterin stirbt jetzt", so die Florettspezialistin, die ihren Abschied im Rahmen einer Gala in Tauberbischofsheim feiern wird. Fichtel-Mauritz: "Ich hoffe, in den nächsten drei Monaten." Die erfolgreichste deutsche Fechterin aller Zeiten mit zwei olympischen Gold-Medaillen und insgesamt sechs WM-Titeln ist auch außerhalb der Planche eine Persönlichkeit. Am 16. Juni 1992 brachte sie Sohn Laurien zur Welt, nur wenige Wochen später startete sie bei den Olympischen Spielen in Barcelona und gewann Mannschafts-Silber.

"Wenn einer mal etwas kritisiert, wird er gnadenlos niedergemacht"

Ihr Umzug im Oktober 1990 zu Ehemann Merten Mauritz nach Wien war auch eine Flucht vor dem harten Regime von Chefbundestrainer Emil Beck im Olympiastützpunkt Tauberbischofsheim. "Wer den Mund hält, lebt wunderbar. Aber wenn einer mal etwas kritisiert, wird er gnadenlos niedergemacht", wurde Anja Fichtel-Mauritz vor der WM 1991 zitiert. "Ziehvater" Beck und seine Schülerin verband immer eine Haßliebe, auch zuletzt lagen sie im Clinch. Anja Fichtel-Mauritz hatte das Gefühl, daß man sie in Tauberbischofsheim lossein will. Es seien Dinge vorgefallen, die "mir die Tränen in die Augen getrieben haben". Am Sonntag gab es eine Aussprache unter vier Augen, das Kriegsbeil ist begraben. Fichtel-Mauritz: "Wir haben uns vertragen, warum sollen wir im Streit auseinandergehen?"

Bis zuletzt zählte die sympathische Blondine zu den weltbesten Fechterinnen, im November gewann sie bei den Europameisterschaften in Limoges noch die Bronzemedaille. Ihren größten Erfolg feierte sie 1988 in Seoul, wo sie sowohl im Einzel als auch mit der Mannschaft Olympia-Gold holte. Fichtel-Mauritz, Sabine Bau und Zita Funkenhauser sorgten damals für eine Sternstunde des deutschen Sports, als sie alle drei Medaillenränge im Einzel belegten. "Damals war ich zu jung und unbekümmert, um das alles richtig genießen zu können. Irgendwie war ich ein Roboter, so nervenstark und cool", sagt Fichtel-Mauritz, die 1994 von der WM in Athen erstmals ohne eine Medaille von Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften zurückkehren mußte.
Barbara Leicht; Foto: dpa


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:13 von jp