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"Do" hielt sich für Wiedergeburt Christi

San Diego (AFP) - Der Guru der "Himmelspforte", der 65jährige Marshall Applewhite, hatte lange Erfahrung mit dem Aufbau und der Leitung einer Sekte. Seit 1972 gründete der ehemalige Musiklehrer nacheinander immer wieder Gruppen, die sich mit außerirdischen Phänomenen beschäftigten.

Die Entdeckung und das Herannahen des Kometen Hale-Bopp waren für ihn das offenbar langersehnte Zeichen, in die "übermenschliche Ebene" überzuwechseln. Ein Amateur-Astronom in Texas hatte kurz nach der Entdeckung des Kometen 1995 einen altbekannten Stern zu einer "mysteriösen Kraft" erklärt, einem Raumschiff Außerirdischer. Dieses Begleit-Raumschiff werde die Gläubigen nach dem Verlassen ihrer irdischen Hülle heim in "ihre Welt", in den "Himmel" bringen, versprach Applewhite seinen Anhängern. Die 38 Gläubigen folgten dem weißhaarigen, mageren Guru in den Tod.

Zusammenbruch nach der Scheidung

Applewhite war nach seiner Scheidung Anfang der 70er Jahre zusammengebrochen. Er kam in eine psychiatrische Anstalt im US-Bundesstaat Texas. Dort lernte der Sohn eines presbyterianischen Pfarrers die Krankenschwester Bonnie Lu Nettles kennen, ebenfalls geschieden und Mutter von vier Kindern. Sie glaubte wie er, daß Außerirdische Botschaften zur Erde senden. Beide waren unzertrennlich: Sie nannten sich "Sie" und "Er", "Meer" und "Schweinchen" oder "Bo" und "Peep". Applewhite bezeichnete sich als die Wiedergeburt von Jesus Christus, seine Gefährtin war die Verkörperung Gottes auf Erden.

Zusammen warben die beiden Anhänger und wurden wegen ihrer aggressiven Methoden 1974 in Oregon sogar kurz verhaftet. 1975 mußte Applewhite für vier Monate ins Gefängnis, da er Autos und Kreditkarten gestohlen hatte. Auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Popularität waren "Do", wie sich Applewhite zuletzt in Anlehnung an den ersten Ton der italienischen Tonleiter nannte, und seine Gefährtin Ende der 70er Jahre in San Francisco, als sie rund 200 Anhänger um sich versammelten. 1985 starb Nettles an Krebs.

Die "letzte Chance"

Danach war es lange Zeit ruhig um Applewhite. Der auf Sekten spezialisierte Journalist Peter Klebnikov sagte dem Fernsehsender CNN, der Guru sei im Westen der USA herumgereist und habe in Esoterik-Buchläden und Öko-Läden Flugblätter verteilt. Schon darauf habe gestanden, daß die Menschen nur noch "eine einzige Chance haben, sich zu retten". Vor rund drei Jahren tauchte dann die "Himmelspforte" im weltweiten Datennetz Internet auf.

Die "Himmelspforten"-Anhänger verdienten ihr Geld offenbar mit der Gestaltung von Internet-Seiten. Davon konnten sie wohl auch die Luxusvilla in der Kleinstadt Rancho Santa Fe bei San Diego mit Tennisplatz, Schwimmbad und neun Zimmern mieten. Die Sektenmitglieder mußten all ihre Besitztümer aufgeben und den Kontakt zu ihren Familien abbrechen. Sie lebten enthaltsam, um sich auf die Reise in eine bessere Welt vorzubereiten. In einem Video, daß die Sekte einem ehemaligen Mitglied vor dem kollektiven Selbstmord zuschickte, starrt der Sektenguru hart in die Kamera. "Dies ist eine sehr aufregende Zeit für uns. Wer sind wir? Ich bin Do, um den Anfang zu machen. Es hängt von Dir ab, ob Du das glaubst oder nicht."

Fotos von Applewhite 1963, 1974 und 1997. Das Foto zusammen mit Nettles ist undatiert. AP


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:14 von jo