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Neuentdeckte Schubert-Komposition entpuppt sich als Gag

Der wahrscheinlich aufwendigste Aprilscherz der Welt...

Köln (red./ots) - Während wir uns in diesem Jahr unseren traditionellen Aprilscherz verkniffen haben, praktizierten andere diesen Ritus im großen Stil. Am 2. April glühten die Telefone der WDR-Hotline und verschiedener Redaktionen. Tags zuvor hatte das WDR Fernsehen eine Sensation geboten, wie sie auch ein großer Sender - weiß Gott - nicht häufig zu bieten hat: Die Welt-Uraufführung einer bisher unbekannten und unter abenteuerlichen Umständen wiederentdeckten Komposition von Franz Schubert.
Kein schlichtes Gelegenheitswerk, kein beiläufiges "Moment musical", sondern eine Messe in C-dur für Soli, Chor und Orchester, ein Bekenntniswerk großen Stils, das mit einem Schlage alle Werkverzeichnisse und Biografien des Wiener Meisters alt erscheinen ließ.

Die Zuschauer vibrierten. Einmal im Leben dabei sein, wenn ein unsterbliches Meisterwerk aus der Taufe gehoben wurde. Einmal zu den "Zeitgenossen" der Klassiker gehören, wenigstens im nachhinein. Einmal auf Anhieb die Bedeutsamkeit eines Meisterwerks erkennen, wo doch die wirklichen Zeitgenossen so oft mit Blindheit geschlagen waren... Und die Musik ließ keinen Zweifel. Man war gerührt, begeistert, hingerissen. So kannte man seinen Schubert. Das war der Zauber seiner Melodien und überraschenden Harmonien. Das reichte von zarter Lyrik bis zu dramatischen Bögen und Höhepunkten.

Schubert ist unter uns

Am nächsten Morgen war alles anders. Unter dem Druck des 2. April mußte der Sender bekennen: Nicht Franz Schubert, sondern Ulrich Harbecke, Leiter der Programmgruppe Religion/Philosophie im WDR Fernsehen, hatte das Werk verfaßt. Die Entdeckungsstory war frei erfunden, wenngleich haarscharf neben der Wahrheit, aber das sind bekanntlich die raffiniertesten Lügen.

Es hagelte Anrufe, aber keinerlei Protest. Im Gegenteil. Jetzt war man aus anderen Gründen froh, es erlebt zu haben, denn jetzt war es der vielleicht aufwendigste und erstaunlichste Aprilscherz der neueren Geschichte. Und niemand fühlte sich beschädigt. Jeder war beschenkt, und sei es mit einer interessanten Selbsterkenntnis. "Was geschieht denn mit mir und meiner Wahrnehmung?" so fragten sich viele Zuschauer, "wenn nun nicht mehr der große Name darüber steht? Habe ich - quasi rückwirkend - eine andere Musik gehört? "Liege ich also nur anbetend vor einem Denkmal, und die Musik ist gar nicht so entscheidend? - Dann hätte ich Schubert nicht verstanden, nachweislich an einem Werk, das nicht von ihm stammt - und hätte ihn so wenig verstanden wie seine Zeitgenossen damals, für die er noch keinen großen Namen hatte..."

"Das ist ja wohl der Gipfel!"

Und damit war wieder alles anders. Die kleine Schwindelei zum 1. April entpuppte sich als hintergründiges Experiment am lebenden Objekt. Sie bot die Chance zu einem erkenntnistheoretischen Selbstversuch. Mitten im Schubertjahr, in dem es von Devotionalien nur so wimmelt. Eine Zuschauerin wollte allerdings die Wahrheit nicht wahrhaben. Da habe dieser Harbecke eine echte Schubert-Partitur gefunden und wolle sie nun unter seinem Namen veröffentlichen. Man sei vom Fernsehen ja allerhand gewohnt, aber das sei nun wirklich der Gipfel!


Letzte Änderung: 08.04.1997 18:14 von ar