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Zehn Jahre nach rätselhaftem Tod

"Fall Dressel" erschütterte Leichtathletik

Mit Pillenflut zur Spitze - Medikamentenpaß noch immer keine Pflicht

Neuss (sid) In den Abendstunden des 10. April 1987 starb die junge Hochleistungssportlerin Birgit Dressel, umgeben von hilflosen Ärzten, im Klinikum der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität. Und mit ihr der noch weit verbreitete Glaube an eine heile Welt der Leichtathletik. Der Tod der Siebenkämpferin, wenige Tage vor ihrem 27. Geburtstag, hinterließ Entsetzen und Erschütterung. Die Ursache blieb letztlich ungeklärt. Am 31. Juli gab die Staatsanwaltschaft bekannt: "Das Ermittlungsverfahren wird eingestellt."

Der Dopingverdacht hatte sich nicht erhärten lassen, obwohl viele Anzeichen dafür sprachen. Zahlreiche Medikamente wurden bei Birgit Dressel gefunden. Wahrscheinlich war es die Flut der Präparate, die zum tragischen Ende führte. Die Notärzte wußten nichts von der Pillen-Manie der Patientin. Ein Tropfen brachte das Faß zum Überlaufen: Die Zufuhr von fünf Gramm des "harmlosen" Schmerzmittels Metamizol führte zum Schockzustand mit Todesfolge. "Den behandelnden Ärzten ist schuldhaftes Verhalten nicht nachzuweisen", hieß es in dem 120 Seiten umfassenden Gutachten. Birgit Dressel hatte 1984 als Olympia-Neunte in Los Angeles die internationale Bühne betreten. Zwei Jahre später, vor der Europameisterschaft in Stuttgart, drängte sie immer weiter nach vorn. Als EM-Vierte mit 6.487 Punkten lag sie nun in der Weltbestenliste an sechster Stelle - 69 Punkte vor ihrer Freundin Sabine Braun. 1987 bereitete sich Birgit mit ihrem Freund und Trainer Thomas Kohlbacher auf die Weltmeisterschaften in Rom vor. Als weitere Höhepunkte waren 1988 die Olympischen Spiele in Seoul und 1989 die Hochzeit geplant. Es blieben unerfüllte Träume.

Hochleistung und Selbstzerstörung

Birgit Dressel galt nicht als das absolute Talent. Man könne "heutzutage alles injizieren und einnehmen, weil alles reversibel" sei - also wieder zu reparieren, soll sie einmal zu Horst Klehr gesagt haben, Sportwart im rheinhessischen Leichtathletik-Verband. Der hatte sie vor der gesundheitsschädlichen Wirkung des Dopings gewarnt. Irgendwann verlor die Diplom-Sportlehrerin wohl auf dem schmalen Grat zwischen Hochleistung und Selbstzerstörung das Gleichgewicht. "Ich dachte damals, daß sich viele Gedanken machen würden. Aber von einer Langzeitwirkung kann man nicht unbedingt sprechen", sagt Prof. Wilfried Kindermann heute. Der Arzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sieht deshalb weiter seine Hauptaufgabe darin, der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, daß "Hochleistungssport nicht zwangsläufig die Einnahme von Medikamenten bedingt." Doch fast ein wenig resignierend klingt der Zusatz: "Man kann zufrieden sein, wenn ein hoher Prozentsatz der Sportler das einsieht."

Zehn Jahre nach Birgit Dressels rätselhaftem Tod geht der Leistungssport zumindest hierzulande bewußter mit der Pharmazie um, auch dem Druck der Doping-Fahnder gehorchend. "Damals", erinnert sich Theo Rous, Anti-Doping-Beauftragter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), "gab es ja noch keine Trainingskontrollen. Die sind erst in den neunziger Jahren eingeführt worden." Seit 1995 liegt jedem Athletenpaß, dem Protokollheft aller Trainings- und Wettkampfkontrollen, ein Medikamentenpaß bei - allerdings nur auf "freiwilliger Basis". Verbindlich führen dieses Dokument nur wenige Athleten, wie das 1990 gegründete Zehnkampf-Team. "Das halte ich für sehr sinnvoll. Nicht nur für den Sportler, sondern für alle Patienten", meint Dr. Siegfrid Wentz, selbst ehemaliger Weltklasse-Zehnkämpfer. Der Medikamentenpaß sei ein "Schutz für den Athleten und den behandelnden Arzt". Doch Wentz bleibt ein großer Zweifler: "Die Frage ist, ob das alles genug ist." Tim Oliver Kalle


Letzte Änderung: 12.04.1997 00:02 von jp