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Stadt toleriert "Ehe" von Bruder und Schwester

"Glücklicher Inzest"

Madrid (dpa) - Vielleicht fühlten Daniel und Rosa Maria sich an Ödipus erinnert. Das Liebespaar mußte zu seiner großen Überraschung erfahren, daß es engstens miteinander verwandt ist. Die Spanier sind Bruder und Schwester. Der griechische Tragödienheld Ödipus stach sich die Augen aus, als er gewahr wurde, daß seine Ehefrau, mit der er seit Jahren zusammengelebt hatte, in Wirklichkeit seine Mutter war. Daniel und Rosa Maria reagierten weniger selbstzerstörerisch. Sie trennten sich zunächst, aber dann entschieden sie doch, wie ein Ehepaar zusammenzuleben.

Damit brachen sie das vielleicht strengste Sexualtabu der Menschheit, denn die Geschwisterehe ist in fast allen Kulturen mit einem strikten Verbot belegt. Der Fall sorgte nun weltweit für Schlagzeilen, weil die Kleinstadt Cambre im äußersten Nordwesten Spaniens beschloß, die Inzest-"Ehe" offiziell zu tolerieren. Der 41jährige Fliesenleger und dessen 38jährige Schwester durften sich als Lebensgemeinschaft ins Melderegister der Ortes vor den Toren der Hafenstadt La Coruna eintragen. Cambre (15.000 Einwohner) ist der einzige Ort in Spanien, in dem Lebensgemeinschaften aller Art - auch Paare von Homosexuellen oder polygame Gruppen - sich registrieren lassen können und damit praktisch den Status von Familien erhalten.

Zunächst nichts von Verwandtschaft gewußt

Die Geschichte von Daniel und Rosa Maria hatte damit begonnen, daß beide sich im Sommer 1979 zufällig in einer Madrider Diskothek begegneten. Die Geschwister hatten sich vorher nicht gekannt, denn die Eltern hatten sich nach der Geburt Rosa Marias getrennt. Die Mutter ging als Gastarbeiterin nach Deutschland, Daniel wuchs beim Vater auf und Rosa Maria in einem Heim. "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagen beide über ihre Begegnung im Tanzlokal. Später stellten sie mit Erstaunen fest, daß ihre Familiennamen Moya Pena identisch sind. Nachforschungen ergaben, daß dies kein Zufall war.

"Wir haben uns gegenseitig angeekelt, als wir erfuhren, daß wir Geschwister sind", sagte Rosa Maria einem Reporter von "Publico" aus dem benachbarten Portugal. "Aber dann haben wir uns entschlossen, zu unseren Gefühlen zu stehen. Ich weiß selbst nicht, ob ich Daniel mehr als meinen Bruder liebe oder als meinen Liebhaber." Nun leben beide seit fast 18 Jahren zusammen und haben zwei gesunde Kinder, eine elfjährige Tochter und einen vierjährigen Sohn. "Wir sind ein glückliches Paar", sagen beide.

Vorreiter für alternative Formen der Ehe

Was ihnen in den großen Städten Madrid, Alicante und La Coruna versagt blieb, wurde ihnen nun ausgerechnet im kleinen Cambre erlaubt: die Eintragung ins Gemeindebuch. In der Region Galicien, zu der Cambre gehört, erkennen schon seit einiger Zeit mehrere Orte sogenannte "de facto-Gemeinschaften" offiziell als Familien an. Dies gilt aber nur für unverheiratete Paare. Cambre ist der einzige Ort, der auch Gruppen von mehreren Personen oder Inzestpaare per Ratsbeschluß anerkennt.

Daß dieses ausgerechnet im abgelegenen und als konservativ geltenden Galicien geschieht, ist nach Ansicht von Experten kein Zufall. "In den Dörfern Galiciens herrschte schon immer ein Geist der Toleranz", sagt der galicische Anthropologe Manuel Mandianes der Zeitung "El Pais". "Uneheliche Kinder wurden in den Dörfern seit jeher wie alle anderen Kinder behandelt, und manche Orte hatten sogar ihre Dorfprostituierte. Niemand sagte etwas gegen die sexuellen Beziehungen von Priestern und die daraus hervorgegangenen Kinder. Was in Cambre geschieht, liegt in dieser Tradition."

Heftige Proteste nach der Trauung

Es gibt aber auch heftige Proteste gegen den Ratsbeschluß von Cambre. Der Erzbischof von Santiago de Compostela, Julian Barrio, beschwor die Gefahr einer "sexuellen Anarchie". Die Zeitung "Diario 16" meinte: "Cambre öffnet der Polygamie Tür und Tor." Der stellvertretende Bürgermeister Augusto Rey, auf dessen Initiative der Ratsbeschluß zurückgeht, betont demgegenüber, daß sich nur ortansässige Gemeinschaften registrieren lassen dürfen. Cambre wolle auch nicht die Polygamie fördern, sondern zum Beispiel einer Wohngemeinschaft von drei Rentnern dieselben Erleichterungen gewähren wie einer Familie. Von Hubert Kahl. Foto: dpa



Letzte Änderung: 23.04.1997 00:02 von ar