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Moderner Vollzug oder "Nobelknast"?

Untersuchungsgefängnis Weiterstadt eröffnet - Auch "einbruchsicher"







Weiterstadt (Reuter) - Im hessischen Weiterstadt ist am Freitag das durch einen Terroranschlag 1993 weitgehend zerstörte Untersuchungsgefängnis in Betrieb genommen worden. Landesjustizminister Rupert von Plottnitz (Bündnis 90/Die Grünen) bezeichnete den Bau als einen Markstein für den modernen Strafvollzug.

Weiterstadt sei technisch und unter humanen Gesichtspunkten eines der modernsten Gefängnisse in Europa. Kurz vor dem geplanten Erstbezug vor vier Jahren hatte die "Rote Armee Fraktion" (RAF) einen Sprengstoffanschlag auf den Neubau verübt. Einschließlich Wiederaufbau kostete das Gefängnis 413 Millionen Mark.

Unschuldsvermutung

Architektur und Gestaltung entsprächen dem für die Untersuchungshaft geltenden Prinzig der Unschuldsvermutung, erklärte Plottnitz. Die Gefangenen könnten umfangreiche Freizeitangebote nutzen, darunter Sportanlagen, ein Schwimmbad, Werkstätten, Theaterbühne, Bibliothek und eine Kirche. Dadurch könne die psychische Belastung der Haft für den einzelnen gemindert werden. Das Untersuchungsgefängnis ist für 570 Gefangene konzipiert und besteht aus sechs Unterkunftsgebäuden, denen je ein landschaftlich gestalteter Freizeithof zugeordnet ist. Für eine Übergangszeit sollen dort bis zu 750 Gefangene unterbracht werden.

Umstrittenes Schwimmbad

Besonders wegen der Schwimmhalle war Weiterstadt von der Landtagsopposition und dem Landesrechnungshof als "Luxusgefängnis" gerügt worden. Auch die Kosten für Innenhöfe mit dekorativen Natursteinquadern, Wasser und Zierpflanzen wurden von den Rechnungsprüfern moniert. Der hessische Justizminister Rupert von Plottnitz (Bündnis 90/Die Grünen) mußte sich damals gegen den Vorwurf wehren, das Land habe einen "Nobelknast" oder gar ein "Erholungsheim" für Gefangene errichtet. Die gewaltigen Kosten für Weiterstadt sorgten für politischen Disput. Insgesamt hat der Gefängnisbau über 400 Millionen Mark gekostet und ist für 570 Häftlinge konzipiert. Rein rechnerisch ergeben sich für den Steuerzahler daraus Kosten je Gefangenen von rund 700.000 Mark - dafür gibt es in der Region schon ein repräsentatives Einfamilienhaus.

Sicher gegen "Einbrüche"

Dazu räumte Plottnitz ein, unter den heutigen Bedingungen knapper öffentlicher Kassen würde ein solches Gefängnis-Bad wohl nicht mehr gebaut werden. Nach der RAF-Bombe habe das Sicherheitskonzept geändert werden müssen. Das Gefängnis sei nun nicht nur gegen Ausbruchsversuche sicher, sondern auch gegen "Einbruchsversuche". Fotos: Reuter



Letzte Änderung: 03.05.1997 00:02 von aj