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Siehe auch:

  • Krautrock-Klassiker "Kraftwerk"
  • Die wichtigsten Krautrock-Bands

  • Nach über 25 Jahren:

    Phänomen Krautrock feiert Revival

    Berlin (dpa) - Ausgerechnet eine Münchner Formation mit dem merkwürdigen Namen "Amon Düül" schaffte 1970 den Durchbruch. Erstmalig zierte eine deutsche Rockband die Titelseite eines englischen Musikmagazins - des ehrwürdigen "Melody Maker". Und heute sind es wieder "Amon Düül" und ihre Mitstreiter der damaligen Krautrocker-Zeit, die englische Musikkritiker-Herzen höher schlagen lassen. Nach 27 Jahren feiert die englische Fachpresse die Krautrocker erneut mit mehrseitigen Specials.

    Vor den "Düüls" hatte in England niemand ernsthaft Notiz vom Geschehen in der popmusikalischen Wüste Germany genommen. Teutonische Rocker übten sich darin, brav und ungelenk den anglo-amerikanischen Idolen nachzueifern. "Amon Düül allerdings", urteilte damals der "Melody Maker", "ist die erste deutsche Gruppe, die als eigenständiger Beitrag zur internationalen Pop-Kultur angesehen werden kann." Ins selbe Horn stieß auch der britische Star-DJ John Peel. Er wurde zum großen Propagandisten dessen, was die Bezeichnung "Krautrock" verpaßt bekam. In seiner BBC-Radioshow spielte er Deutsches rauf und runter.

    Orgiastisch-psychedelische Klänge

    Peel war stets auf der Suche nach neuen, aufregenden Tönen. "Amon Düül" lieferten sie ihm. Orgiastisch-psychedelische Klänge trafen in den Frühwerken der Gruppe wie "Phallus Dei" (1969) und "Yeti" (1970) auf fanatischen Surrealismus. Wagnerscher Bombast stand zarten Folkloremelodien gegenüber. Die Improvisationen machten aus etlichen "Düül"-Stücken Epen von über 20 Minuten Länge.

    Parallell zu "Amon Düül" entwickelten sich auch in anderen deutschen Städten innovative Bands, die der Besatzer-Dominanz in der hiesigen Rock & Roll-Szene mit eigenen Tönen entkommen wollten. Nicht nur die Musik klang häufig merkwürdig, sondern auch die Bandnamen: "Faust" (Foto links), "Can", "Popol Vuh", "Kraftwerk", "Ash Ra Temple", "Tangerine Dream", "Guru Guru" oder "Cluster", um nur einige der bekanntesten zu nennen. Bis weit in die 70er Jahre hinein waren die Krautrocker das popmusikalische Aushängeschild einer Nation, die endlich zu ihrer gegenwartskulturellen Identität finden wollte.

    "Mama Düüls Rocking Sauerkrautband"

    Über die Entstehungsgeschichte des Begriffs Krautrock ist sich die damit gemeinte Szene uneinig. "Amon Düül" etwa hatten bereits 1968 einen Song mit dem Titel "Mama Düüls Rocking Sauerkrautband" im Programm. Angeblich - so die Legende - nahm die englische Presse diesen Begriff Krautrock- nur zu gerne auf. Doch auch "Faust" spielten 1971 ein Stück mit dem Titel "Kraut-Rock" und machten sich die Urheberschaft streitig. Merkwürdig nur, daß keine der Krautrock- Pioniere von einst heutzutage mit diesem Phänomen in Verbindung gebracht werden will. Zappi Diermaier von "Faust" lehnt die Kategorisierung entschieden ab: "Ich weiß gar nicht, was Krautrock sein soll. Mit Kraftwerk etwa haben wir jedenfalls nichts gemeinsam. Wir machen etwas ganz anderes."

    Urväter des Techno

    Zum Ende der 70er Jahren verdrängte Punk die Kulturrebellen von einst. Wer in den 80er Jahren noch über Krautrock sprach, der galt als kauziger Nostalgiker. Von Glück reden konnte, wer wie die Düsseldorfer Elektroniktüftler "Kraftwerk"(Foto rechts) als Urväter des Techno inzwischen von den Medien einer anderen musikalischen Strömung zugerechnet wurde.

    Die meisten Krautrock-Veteranen verschwanden für fast zwei Jahrzehnte in der Versenkung. "Amon Düül"-Mitbegründer Chris Karrer schloß sich der Münchner Weltmusik-Formation "Embryo" an und vagabundierte ein Jahrzehnt lang durch die Welt. "Popol Vuh"-Macher Florian Fricke schrieb für Filmemacher Werner Herzog Soundtracks. "Faust"-Musiker Hans-Joachim Irmler arbeitete als Computer- Spezialist. "Can" und "Kraftwerk" zehrten vom Ruhm der vergangenen Tage. "Guru Guru", "Tangerine Dream" oder "Cluster" hielten sich mühsam und mit sinkenden Verkaufszahlen ihrer Tonträger über Wasser. Kraut-Rock schien endgültig ein Relikt der Pop-Historie zu sein.

    Enzyklopädie: "The Crack in the Egg"

    Mitte der 90er Jahre sieht die Musikwelt das anders. "Popol Vuh" und "Amon Düül" haben mit "City Raga" bzw. "Nada Moonshine" neue Alben auf den Markt gebracht. "Guru Guru", "Grobschnitt", "Ash Ra Temple" und andere haben sich reformiert und arbeiten an Platten. "Krautrock is back", jubelt die englische Fachpresse seit Monaten. "The Face", "Mojo" und "Q-Magazine" widmeten dem wiederentdeckten Phänomen zwischen vier und acht Seiten. Schallplatten der verschwundenen Krautrock-Labels "Ohr", "Pilz" und "Brain" gelten im Königreich als gesuchte Sammlerstücke und werden mit Preisen bis zu 90 Pfund (gut 200 Mark) gehandelt.

    Für die junge Generation von DJs und Soundtüftlern, die sich den Dance-Trends Jungle, Ambient oder Techno verschrieben haben, sind "Can", "Kraftwerk", "Popol Vuh" oder "Tangerine Dream" die Pioniere ihrer Zunft. Vor wenigen Wochen erschien eine Enzyklopädie des Krautrocks "The Crack in the Egg" von den Brüdern Steven und Alan Freeman. Der ehemalige New Wave-Heroe Julian Cope brachte im letzten Jahr das Standardwerk "Krautrock-Sampler" auf den Markt, das den Boom erst so richtig ins Rollen brachte. "Krautrock", schwärmt Cope in seinem Buch, "ist der Pop-Sound der Zukunft. Das war und ist die spirituellste, experimentellste und aufregendste Musik dieses Planeten und wird es immer sein." Von Michael Fuchs-Gamböck, Fotos: dpa



    Letzte Änderung: 09.05.1997 00:02 von aj