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Paulskirchen-Glocke zerschellt

"Nationaldenkmal zerstört"

Frankfurt/Main (dpa) - In der Frankfurter Paulskirche ist am Pfingstsamstag die 1,8 Tonnen schwere historische "Christusglocke" abgestürzt und von einer darunter schwingenden Glocke zerschlagen worden. Die 167 Jahre alte Glocke hatte 1848 für die erste deutsche Nationalversammlung geläutet, zwei Weltkriege überstanden und war nur durch Zufall der von den Nazis geplanten Einschmelzung entgangen.

"Es ist eine Tragödie", sagte der Leiter des Deutschen Glockenmuseums auf Burg Greifenstein bei Wetzlar, Konrad Bund, am Sonntag. "Ein deutsches Nationaldenkmal ist zerstört."

Der Frankfurter Glockenexperte Walter Pinger berichtete, zehn Minuten vor Ende des Stadtgeläuts habe es im Glockenturm der Paulskirche einen "Mordsschlag" gegeben. "Ich dachte, ein Seil sei gerissen.". In der Kirche hielten sich zum Zeitpunkt des Unglücks zahlreiche Besucher der Wehrmachtsausstellung auf. Sie seien nicht gefährdet gewesen, sagte ein Feuerwehrsprecher. Die Ausstellung wurde zunächst geschlossen, am Sonntag jedoch wieder geöffnet.

Von der großen Glocke zerschlagen

Die 1830 gegossene Glocke war während des großen Frankfurter Stadtgeläuts von zehn Kirchtürmen aus ihrem Kugellager gerutscht, fünf Meter tief gefallen und dabei von der fast 8,6 Tonnen schweren "Bürgerglocke" zerschlagen worden. Dabei hatte sich das Glockengestühl verschoben, und die 500 Kilogramm schwere "Dankesglocke" verkantete sich im Gebälk.

Die etwa 1,60 Meter hohe Glocke mit einem Durchmesser von 1,50 Metern hatte einen Wert von rund 50.000 Mark. Unter Experten galt das Werk der Frankfurter Handwerker Mappes und Barthels als einmalig. Der besondere Dur- Ton war 1833 zur Einweihung der Paulskirche zum ersten Mal zu hören, erklang 1848 zur ersten deutschen Nationalversammlung sowie aus Anlaß der deutschen Wiedervereinigung 1990.

Mit einer Wucht von 20 Tonnen geläutet

Wenn Glocken schwingen, hätten sie ungefähr die dreifache Kraft ihres Gewichts, erläuterte Bund. Somit habe die "Bürgerglocke" mit einer Wucht von mehr als 20 Tonnen die Bronze der "Christusglocke" zerschlagen. Der Außenring der größeren Glocke wurde dabei ebenfalls beschädigt. Beim Aufprall durchschlug die "Christusglocke" die erst 1987 eingezogene Betonzwischendecke des Glockenturms. "Man kann da jetzt von unten richtig durchschauen", beschrieb Pinger das Ausmaß der Zerstörung. Im Inneren des Glockenturms lagen abgebrochene Balken und Glockenteile.

Die Ursache war auch am Montag unklar. Bund sagte, möglicherweise seien die Schraubenbolzen abgebrochen, die die Glocke im Kugellager hielten. Auch mangelhafte Wartung schloß er nicht aus. "Vielleicht sind die Schrauben nicht richtig nachgezogen worden." Nach Pingers Ansicht könnte auch das Holz des Glockenstuhl bei der Erneuerung 1987 noch zu feucht gewesen sein und sich zusammengezogen haben, so daß der Glockenbügel aus dem Lager fiel.

Nur durch Zufall vor dem Einschmelzen gerettet

Die Barockglocke gehörte bis 1942 zum Frankfurter Stadtgeläut. In jenem Jahr ließen die Nazis sie auf den Glockenfriedhof im Hamburger Nordhafen bringen, um sie für Kriegszwecke einzuschmelzen. Die Zerstörung des Ofens durch britische Bomben verhinderte das. 1947 kam die Glocke in ihre Heimatstadt zurück. Zum ersten Mal nach dem Krieg war zu Ostern 1997 das komplette Stadtgeläut von zehn Kirchtürmen zu hören gewesen. Beim zweiten vollständigen Glockenkonzert am Samstag passierte das Unglück in der Paulskirche. Kerstin Spiegel, Foto: dpa



Letzte Änderung: 20.05.1997 00:02 von jo