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Vier bis sechs Monate Pause

Steffi Graf muß um ihre Karriere bangen

Rehabilitation bei Willy Dungl - Graf: "Diagnose sehr überraschend"

Neuss (sid) Steffi Graf muß ernsthaft um die Fortsetzung ihrer Karriere bangen. Nach einer zweistündigen Operation in der Wiener Privatklinik, in deren Verlauf Dr. Reinhard Weinstabl am Dienstag die Patellasehne und den Knorpel im linken Knie der 28jährigen wieder instandsetzte, droht der siebenmaligen Wimbledonsiegerin eine vier- bis sechsmonatige Tennispause. Steffi Graf selbst ist zwar "zuversichtlich, daß ich zu dem Sport zurückkehren werde, den ich so sehr liebe, und zwar gesund, doch wann das sein wird, ist ungewiß."

Professor Joseph Keul, Mannschaftsarzt des deutschen Olympiateams und des Deutschen Tennis Bundes, wird konkreter: "Es ist eine Verschleißerscheinung, die aber keinesfalls das Ende der Karriere bedeuten muß." Bei ausreichender Regeneration könne die Spielfähigkeit zu 100 Prozent wiederhergestellt werden. "Ich gehe davon aus, daß Steffi Graf Ende des Jahres diese 100 Prozent wieder erreicht hat." Optimistisch äußerte sich auch Damen-Bundestrainer Klaus Hofsäss am Rande des ATP-Turniers im ostwestfälischen Halle: "Ich habe schon in Paris gemerkt, daß etwas nicht stimmt und unbedingt etwas geschehen muß. Ich bin fest davon überzeugt, daß Steffi den Willen, den Kampfgeist und auch die Kraft aufbringen wird, auch nach einer solch langen Pause noch einmal wiederzukommen."

In Wimbledon (23. Juni bis 6. Juli), bei den US Open (25. August bis 7. September) und aller Voraussicht nach auch beim New Yorker Masters im November wird Steffi Graf ihre Titel nicht verteidigen können und damit in der Weltrangliste auf eine Position zwischen 15 und 20 zurückfallen. Auch die Fed-Cup-Relegation im Juli in Frankfurt/Main gegen Kroatien findet ohne sie statt. Ein Jahr ohne Grand-Slam-Titel erlebte Steffi Graf zuletzt 1986, ihre bis dato tiefste Plazierung im Computer war Ende 1984 ein 22. Platz. "Ich bedaure außerordentlich, daß ich meinen Titel in Wimbledon nicht verteidigen kann", heißt es in einem von der "Steffi Graf Sport GmbH" veröffentlichten Statement: "Ich werde Tennis während meiner Therapie sehr vermissen. Ich danke allen meinen Fans und Freunden für ihre Unterstützung."

Erste Diagnose war falsch, denn . . .

Nach dem chirurgischen Eingriff wird Steffi Graf, die bereits am Dienstag die Klinik wieder verließ, im Rehabilitations-Zentrum von Willy Dungl im 60 Kilometer von Wien entfernten Gars am Kamp den langen Weg zurück in Angriff nehmen. "Wir erwarten Frau Graf in Kürze, aber wir wissen nicht genau, wie lange sie bei uns bleiben wird", erklärte eine Sprecherin des Dungl-Zentrums. Gars am Kamp ist das Fitness-Mekka der Superstars, seit sich dort vor mehr als 20 Jahren der dreimalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda von den Folgen seines Feuerunfalls auf dem Nürburgring erholte.

Die jüngste Entwicklung kam auch für Steffi Graf selbst "sehr überraschend". Bei einem Kernspintomogramm am vergangenen Freitag, in dessen Verlauf mittels magnetischer Resonanzfelder (Magnetic Resonance Imaging) Sehnen, Muskeln und Knorpel auf dem Bildschirm sichtbar gemacht werden, wurden Risse im Knorpel sowie ein Anriß der Patellasehne und deren Verkürzung festgestellt. Das offenbar zu frühe Comeback nach 100tägiger Verletzungspause hatte laut Steffi Graf "weiteren Schaden in meinem Knie verursacht. Diese Diagnose kam für mich sehr überraschend, nachdem mir versichert worden war, daß diese Gefahr nicht bestünde."

. . . die Schmerzen kehrten zurück

Erstmals war die Verletzung laut Steffi Graf während Wimbledon 1996 aufgetreten: "Sie wurden behandelt, worauf ich bis zum Turnier im Oktober in Leipzig keine Probleme mehr hatte." In Leipzig traten die Beschwerden wieder auf, daraufhin "war ich im Halbfinale gegen Anke Huber gezwungen, erstmals in meiner Karriere ein Spiel abzusagen". Bei den Australian Open im Januar in Melbourne scheiterte Steffi Graf, deutlich geschwächt durch eine Entzündung im Zeh und mit einem Pflaster auf dem lädierten Knie, im Achtelfinale an Amanda Coetzer. Beim anschließenden Turnier in Tokio sagte sie das Finale gegen Martina Hingis wegen neuerlicher Probleme mit dem Knie ab. Danach, so Steffi Graf, "wurde mir zu einem kleinen arthroskopischen Eingriff geraten, um in Paris und Wimbledon spielen zu können. Im Rückblick bewirkte diese Maßnahme lediglich vorübergehend einen Rückgang der Entzündung und ein Abklingen der Schmerzen."

Während der Turniere in Straßburg und Paris "kehrten die Schmerzen zurück". Bei den French Open, wo Steffi Graf im Viertelfinale erneut an Amanda Coetzer scheiterte, war zwar das Pflaster am linken Knie deutlich sichtbar von Runde zu Runde größer geworden, doch hatte Steffi Graf immer wieder darauf hingewiesen, daß es sich dabei lediglich um eine Präventivmaßnahme handelte, "um die durch Fehlbelastung schiefgestellte Muskulatur zu begradigen". Tatsächlich hatte sie bereits in Paris Kontakt zu Dr. Reinhard Weinstabl aufgenommen, der ein enger Freund ihrer Tenniskollegin Barbara Paulus ist. Weinstabl gilt nicht nur in Österreich als Kapazität und riet zur sofortigen Operation. Damit ist nun endlich, so Steffi Graf, "das Problem an der Wurzel gepackt". Das Tennisjahr 1997 allerdings wird sie vermutlich nur noch als Zuschauerin erleben.
Angela Bern; Foto: AP; Grafik: dpa



Letzte Änderung: 12.06.1997 00:02 von jp