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. . . Wer erfand die Currywurst?

Vor einigen Tagen trafen sich zwei Currywurst-Experten in einer kleinen Buchhandlung in Berlin, um über den Herkunftsort der Leibspeise unzähliger Deutscher zu diskutieren: Der Schriftsteller Uwe Timm und sein Berufskollege Gerd Rüdiger. Die beiden Schöngeister prallten mit ihren Ansichten so heftig aufeinander, daß nach Beobachtung der "Berliner Morgenpost" "fast die Fleischfetzen flogen".

Dem Ketchup auf der Spur

Timm erzählt in seinem Roman "Die Entdeckung der Currywurst", wie die Hamburgerin Lena Brücker zwei Jahre nach Kriegsende zufällig die herzhafte Würzwurst schuf. Als sie - in der einen Hand den Curry, in der anderen Ketchup - auf einer Treppe stolperte, geschah das Wunder. Beide Zutaten vermengten sich zu jener Soße, die die Currywurst erst zur Currywurst macht. Von da an verkaufte die Romanheldin das Zufallsprodukt auf dem Hamburger Großneumarkt. Von dort aus begann die Brutzelspezialität ihren Siegeszug.

Rüdiger, der in Berlin lebt, widerspricht der Timmschen Darstellung entschieden. "Die Romanvariante ist vielleicht schöner. Aber die Geschichte der Currywurst ist eindeutig eine Berliner Geschichte", kontert der Autor, der die Fast-Food-Wurst für ein Phänomen hält, "weil sie die Leute Tag und Nacht essen können". In seinem Buch "Currywurst. Ein anderer Führer durch Berlin" fängt die Ketchup-Spur in Berlin an, und dort hört sie auch auf. Herta Heuwer machte am 9. September 1949 in ihrer Imbißbude am Stuttgarter Platz zuerst die sagenhafte Entdeckung und dann die "erste Currywurstbraterei der Welt" auf.

"Ich hab' das Patent - und damit basta!"

"Currywurst-Krieg: Berlinerin spricht ein Machtwort", meldete kürzlich die "B.Z.", die auflagenstärkste Boulevardzeitung in der Bundeshauptsadt. Die heute 83jährige Rentnerin verkündete: "Ich hab' das Patent - und damit basta!" In der Tat ließ sich die Imbißbudenbetreiberin ihr Rezept nach Rüdigers Recherchen patentieren. Das Zeugnis wurde am 21. Januar 1959 ausgestellt.

Timm, dem es in seiner Novelle weniger um die Currywurst als um die deutsche Nachkriegszeit geht, sagt, das Werk basiere nur auf einer "winzigen historischen Authentizität" und ansonsten auf einer Fiktion. Allerdings will er seine erste Currywurst 1947 in Hamburg gegessen haben. Das wiederum läßt Autorenkollege Rüdiger nicht auf sich sitzen. Dem dreht sich der Magen um, wenn er von Timms Hamburger Currywurstvariante hört: "Zerschnittene Kalbswürste in Currysoße gerührt".

Bleibt noch zu klären, wie ernst die zwei Schriftsteller ihren kleinen Streit nehmen. Schon wird gemutmaßt, beide wollten nur das Geschäft mit ihren Büchern ankurbeln. "Irgendwo lagern wohl noch Restexemplare seines Werks", schrieb der "Spiegel" garstig über Timm. Der Münchner Romancier ist "überrascht von dem Wirbel" und schlägt vor, "das sollte man auf sich beruhen lassen. Es ist einfach nur Literatur." Rüdiger nennt den Disput "lustig und schön". Der Berliner meint, der Zwist sei "genauso ernst oder nicht ernst zu nehmen wie das Patent von Frau Heuwer".
Von Thomas Schmoll



Letzte Änderung: 12.06.1997 00:02 von aj