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Fall "Lucona" abgeschlossen

Kiel (AP) - Mehr als 20 Jahre nach dem Untergang des Frachters Lucona ist die Äffäre jetzt gerichtlich aufgearbeitet: Am Mittwoch verurteilte das Kieler Landgericht den 62jährigen Hans Peter Daimler (Foto) zu 14 Jahren Haft wegen Beihilfe zum vollendeten und versuchten Mord in je sechs Fällen sowie wegen versuchten Versicherungsbetrugs.

Die Schwurgerichtskammer sah es als erwiesen an, daß der ehemalige Kaufmann dem Österreicher Udo Proksch zur Seite stand, als der 1977 den Frachter Lucona gesprengt hatte, um für eine angeblich wertvolle Ladung über 31 Millionen Franken von einer Versicherung zu kassieren. Die Staatsanwaltschaft hatte eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes gefordert. Bei dem Untergang der Lucona im Indischen Ozean waren sechs der zwölf Besatzungsmitglieder ums Leben gekommen.



Der Wiener Richter Hans-Christian Leiningen-Westerburg betrachtet am 23. Januar 1991 an Bord des Suchschiffes "Valiant Service" das "Suchfisch" genannte Gerät, mit dem im Indischen Ozean im Raum der Malediven nach der 1977 gesunkenen "Lucona" gesucht wurde.
Statt einer hochversicherten Uranerz-Aufbereitungsanlage befanden sich nach Ansicht des Gerichts bemalte Teile einer alten Kohleaufbereitungsanlage an Bord. Der 63jährige Udo Proksch war 1992 in Österreich wegen sechsfachen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden.

Der Vorsitzende Richter Uwe Martensen erklärte in der Urteilsbegründung, es stehe außer Zweifel, daß Proksch den Versicherungsbetrug geplant habe. Der Industrie-Designer sei die zentrale Figur gewesen. Der Richter bezeichnete den früheren Besitzer der Wiener Konditorei "Demel" als in Österreich bekannte, schillernde Persönlichkeit. Proksch habe wie "auf dem Präsentierteller" agiert. Daimler, der seit 1991 in Haft sitzt, sei von Anfang an in den Versicherungsbetrug eingeweiht gewesen. Ihm sei ein in finanzieller Höhe nicht zu beziffernder Geldbetrag zugesichert worden.

120 Zeugen, 17 Sachverständige, 15.000 Dokumente

Proksch, der Daimler aus der Jugendzeit gekannt habe, habe einen globalen Plan gehabt und sei auf die Hilfe Daimlers im kaufmännischen und technischen Bereich angewiesen gewesen, sagte der Richter. Fast fünf Jahre hat der Prozeß vor dem Kieler Landgericht gedauert. In dem größten und aufwendigsten Verfahren der jüngeren Justizgeschichte Schleswig-Holsteins waren mehr als 120 Zeugen und 17 Sachverständige gehört, 15.000 Dokumente verlesen worden. Die Prozeßbeteiligten waren für die Beweisaufnahme mehrmals ins Ausland gefahren.

Das Konzept für die Fälschungen von Unterlagen und die Legendenbildung stammten nach Ansicht des Gerichtes von Daimler. Er habe den Vertrag mit der Versicherung geschlossen und den Transport der Kohleaufbereitungsanlage zum italienischen Hafen organisiert. So sei der Angeklagte zum Beispiel bei Gesprächen mit der österreichischen Versicherung als Vizepräsident einer Briefkastenfirma von Proksch in der Schweiz aufgetreten.

Unscheinbares Schreibens einer Sekretärin

Detailliert schilderte die Schwurgerichtskammer über mehrere Stunden die Geschichte, die zu dem Tod von sechs der 12 Besatzungsmitglieder am 23. Januar 1977 führte. Als "psychologisch wichtigen Durchbruch" bezeichnete ein Richter die Entdeckung des unscheinbaren Schreibens einer Sekretärin, durch das klar geworden sei, daß viele Papiere der Briefkastenfirma im Nachhinein gefälscht worden waren. Daß der Angeklagte zu Beginn des Verfahren nicht zur Sache ausgesagt habe, sei nicht zu kritisieren, meinte der Richter, "hat uns aber erhebliche Umstände gemacht". Daimler, der im schwarzen Anzug im Gerichtssaal erschien, schüttelte bei den mehrstündigen Ausführungen des Gerichts mehrmals den Kopf. Erst Ende vergangenen Jahres hatte Daimler in einem Teilgeständnis eingeräumt, daß er auf Weisung von Proksch Papiere über die Ladung der Lucona gefälscht habe. Er hatte jedoch seine Unschuld am Tod der Besatzungsmitglieder beteuert.

Gemischte Gefühle ausgelöst

Einer der Verteidiger von Daimler, Wolfgang Kubicki, erklärte am Rande der Urteilsverkündung, das Urteil sei keine Überraschung, habe aber gemischte Gefühle ausgelöst. Aber der Richterspruch werde akzeptiert, weil das Verfahren beendet sei. Der auch als Kieler FDP-Politiker bekannte Kubicki rechnet damit, daß Daimler, der seit 1991 in Untersuchungshaft sitzt, in anderthalb bis drei Jahren auf freiemn Fuß sein wird. Beim Alter des Angeklagten hätte es keinen Sinn gemacht, wenn in fünf oder sechs Jahren der Bundesgerichtshof Daimler für unschuldig erklären würde, meinte Kubicki. Foto/Archivfoto: AP



Letzte Änderung: 12.06.1997 00:02 von aj