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Wernher von Braun und das KZ:

Dunkles Kapitel einer Lichtgestalt

Mittelbau-Dora (dpa) - Als Kolumbus des Weltalls und Vater des legendären Mondflugs von 1969 ging er in die Geschichte ein. Bei seinem Tod 1977 wurde Wernher von Braun als Genie deutscher Ingenieurskunst gefeiert. Heute - 20 Jahre später - ist der Jubel verstummt. Jüngste Studien von Historikern werfen dunkle Schatten auf den berühmten Raketentechniker.

Es geht um eine Mitschuld des Ingenieurs am Tod von 20.000 Häftlingen im Konzentrationslager Mittelbau-Dora in Nordthüringen. Dort wurde von Brauns V2-Rakete - Hitlers Geheimwaffe - unter dem Terror der SS produziert. Von Braun hatte sich davon stets distanziert. Doch zu seinem 20. Todestag an diesem Montag ist das Denkmal des einst strahlenden Nachkriegs-Helden der US- Raumfahrtbehörde Nasa stark ramponiert: viele Experten nehmen von Braun die Unschuldsrolle des mißbrauchten Wissenschaftlers nicht mehr ab.

Zu Lebzeiten hatte von Braun beteuert, bei seinen Inspektionen der unterirdischen Fabrik Mittelwerk keinen einzigen Toten gesehen zu haben. Mit dem für die Produktion gebauten angrenzenden Konzentrationslager und der Zwangsarbeit habe er nichts zu tun gehabt, sagte er bei Nachkriegsprozessen aus.

Alles gelogen?

"Gelogen", schreibt Professor Rainer Eisfeld heute ("Mondsüchtig", Rowohlt Verlag). Von Braun habe persönlich im KZ Buchenwald Häftlinge für die Produktion ausgesucht und in den Stollen nahe der Bergbaustadt Nordhausen sei er mit der SS an den Leichenbergen der Zwangsarbeiter vorbeimarschiert. Auch die eingepferchten Menschenmengen in den Seitenstollen müsse er gesehen haben.

Der amerikanische Historiker Michael J. Neufeld ("Die Rakete und das Reich", Brandenburgische Verlagsanstalt) präsentiert zahlreiche Belege für die "tiefe Verstrickung" von Brauns in den Einsatz von KZ- Häftlingen. Dagegen fand er keine Hinweise, daß der Chef-Techniker sich um eine Verbesserung ihres Martyriums eingesetzt hätte.

Von seiner zwangsweisen Einbindung in das Raketen-Programm könne keine Rede sein, schlußfolgert Eisfeld. Im Gegenteil: Von Braun habe die Raketentechnik den Nazis als Waffe lange Zeit angeboten wie Sauerbier. Erst nach der dritten Präsentation sei Hitler schließlich auf die Pläne des jungen Ingenieurs eingegangen.

Der "Führer" verlieh den Professorentitel

Auf Fotos sieht man von Braun, der sein Wissen nach dem Krieg den USA andiente und dort beim Mondflug-Programm eine steile Karriere machte, hinter dem Kriegsverbrecher und SS-Reichsführer Heinrich Himmler. Von Braun war selbst NSDAP-Mitglied und SS-Sturmbannführer. Seinen Professoren-Titel verlieh ihm Adolf Hitler persönlich.

Die grausamen Qualen der Zwangsarbeiter bei der Fließband- Produktion der Raketen können von Braun bei seinen zahlreichen Inspektionen nicht verborgen geblieben sein, meint auch der Historiker Torsten Heß von der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Von Braun habe später stets nur zugegeben, was man ihm nachträglich nachweisen konnte, sagt Heß.

20.000 Menschen starben bei der Raketenproduktion

Überlebende der "Hölle von Dora" berichten von brennenden Leichenbergen, Folter und zur Abschreckung an Kränen dutzendweise erhängten Arbeitern. Jeder Dritte überlebte die Raketenproduktion nicht, 20.000 Menschen starben. Von der Terrorwaffe V 2 wurden in den Endtagen des Zweiten Weltkriegs mehr als die 6.000 Zivilisten in London und Antwerpen getötet. Frank Christiansen, Archivbild: dpa



Letzte Änderung: 16.06.1997 00:02 von jo