. . . Frankfurt schrammt am Crash vorbei
Unsicherheit und Nervosität dominieren den Handelsraum. Erregt reißt Stefan Schwarz, Börsenhändler der Deutschen Bank, die Arme in die Höhe, daß die Designerkrawatte flattert, um sich im Pulk seiner Kollegen bemerkbar zu machen. Denn die Orderflut ist in den ersten Minuten so groß, daß die Computer nicht mehr mitkommen. Ärger macht sich unter Maklern und Händlern breit. Die Börse reagiert mit einer Durchsage: "Achtung, es gibt zeitliche Verzögerungen an den Verarbeitungssystemen." Doch das wissen die meisten im Parkett längst selbst. Börsenvorstand Reto Francioni kommt extra in den Handelsraum und beschwichtigt: Das System funktioniere einwandfrei. Der Orderstau liege allein an der hohen Zahl der Aufträge.
"Bären" beherrschen den MarktErst nach zehn Minuten liegt der erste Index, und dann herrscht Gewißheit, daß der Aktienmarkt zunächst nur eine Richtung kennt: abwärts. Hastig kritzelt Schwarz ein paar Notizen in sein Auftragsbuch, preßt das Handy wieder an sein Ohr und notiert sich neue Angebote. Kaufen und Verkaufen. Angebot und Nachfrage. Im Sekundentakt wechseln jetzt Zehntausende von Aktien den Besitzer. Das Herz der deutschen Börse schlägt heute besonders schnell. Die Fieberkurve an der Stirnseite des Handelsraumes hat inzwischen wieder 3.534 Punkte erreicht. Doch die "Bären", so nennt der Börsenjargon die Pessimisten, beherrschen weiterhin den Markt.
Die meisten Kleinanleger behalten die Nerven
Kommt es nun zur Verkaufslawine? Mehr als 500.000 neue Kleinanleger sind im Laufe eines Jahres durch den Schub der Telekom-Aktie neu an die Börse gekommen. Sie kennen bisher fast nur steigende Kurse. Nun erleben sie ihren bisher dramatischsten Kurssturz. Doch die meisten behalten die Nerven. "Wir haben kaum Panikverkäufe. Die Kundschaft reagiert relativ gelassen", sagt der Direktor des Bankhauses Aufhäuser, Fidel Peter Helmer. Das Schlußklingeln der Börse am Mittag muß allen dennoch als Erlösung vorkommen. Auch Dieter Schenzielorz, Leiter des Frankfurter Börsenbüros der Westdeutschen Landesbank, ist die Erschöpfung anzusehen. Doch der Experte mahnt zur Besonnenheit: "Jetzt sollte man die Füße stillhalten, der Zug nach unten ist schon abgefahren." Auch der Börsenchef der BHF-Bank, Günter Burgold, betont: "Das hat mit der Wirtschaftslage kaum mehr etwas zu tun. Das ist nur noch Psychologie." Einen "schwarzen Dienstag" haben die Börsianer ihrer Ansicht nach jedoch nicht erlebt. Der Kurssturz sei nicht mit dem Börsencrash von 1929 vergleichbar, betont Burgold. "Hier herrschte Hektik, aber keine Panik." Von Carsten Herz, Fotos: Reuters, dpa
Letzte Änderung: 28.10.1997 14:52 von aj |