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Ex-Rekrut Krause:

Rechtsextreme Umtriebe

Bonn/Berlin (dpa) - Erstmals hat ein Ex-Rekrut unmittelbar nach Ende seiner Wehrpflicht öffentlich über rechtsradikale Umtriebe in der Bundeswehr berichtet. In der Friesland-Kaserne in Varel (Niedersachsen) sei es "regelmäßig etwa zwei- bis dreimal im Monat zu rechtsradikalen Ausschreitungen" gekommen, erklärte der Sohn von Ex- Verkehrsminister Günther Krause (CDU), Christian Krause (21), in der "Bild am Sonntag". Das Bundesverteidigungsministerium reagierte mit Unverständnis auf das Verhalten Krauses. "Es ist nicht in Ordnung, daß er mit seiner Information so lange gewartet hat, bis er die Uniform ausgezogen hat", sagte Sprecher Hans-Dieter Wichter.

Unterdessen wurde bekannt, daß sich vor allem in Ostdeutschland die Zahl der gemeldeten rechtsextremistischen Vorfälle in der Bundeswehr in diesem Jahr deutlich erhöht hat. Rund ein Drittel der bis November 1997 bundesweit registrierten etwa 160 Verdachtsfälle mit rechtsextremistischem Hintergrund in der Bundeswehr entfalle auf den Osten, sagte der höchste Offizier des Heeres in den neuen Ländern, Generalleutnant Joachim Spiering, in einem dpa-Gespräch.

Bereits an diesem Montag werde der Sonderbeauftragte des Inspekteurs des Heeres Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) einen ersten Bericht über die Vorgänge in Varel vorlegen, sagte Wichter am Sonntag. Darin werde sicher auch auf die Darstellung von Christian Krause eingegangen, daß ein Kamerad bereits Ende Juli Meldung über die Vorgänge erstattet habe, ohne daß dies Folgen gehabt habe. Wichter mißbilligte, daß sich Krause in einer "spektakulären Zeitungsaktion" geäußert und sich nicht an seine Vorgesetzten oder an die Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages gewandt habe.

Bei Feiern auf den "Führer" angestoßen

In einer von "Bild am Sonntag" veröffentlichten eidesstattlichen Versicherung schrieb Krause nach Abschluß seiner Wehrdienstzeit von März bis Dezember beim Fallschirmjägerbataillon 313 in Varel: "In unserer Einheit waren mindestens drei Unteroffiziere und drei Mannschaftsdienstgrade mit rechtsradikaler Gesinnung." Immer wieder sei bei Feiern auf den "Führer" angestoßen worden.

Auch seien Sätze wie "Die Juden müssen vergast werden" und "Ausländer raus!" gefallen. Einmal seien aus Dänemark stammende Kataloge gefunden worden, in denen Nazimaterial bestellt werden konnte. "Danach informierte uns ein Vorgesetzter über eine bevorstehende Untersuchung unserer Einheit durch den Militärischen Abschirmdienst (MAD)." Die betreffenden Soldaten hätten daraufhin das rechtsradikale Material "säckeweise aus ihren Spinden" geschafft, berichtete Krause. Er habe sich "gegenüber den rechtsradikalen Tendenzen immer ohnmächtig gefühlt", schrieb er.

Mehr als 70 Prozent der Verdächtigen Wehrpflichtige

Der Verteidigungs-Untersuchungsausschuß müsse nun auch die Vorgehensweise des MAD überprüfen, forderten die Grünen am Sonntag in Bonn. Vorwarnzeiten vor einer Durchsuchung zeugten entweder von mangelndem Aufklärungswillen oder sträflicher Schlamperei. Derzeit geht der MAD rund 760 Verdachtsfällen mit extremistischem Hintergrund bei der Bundeswehr nach. Wie Spiering sagte, wurden im IV. Korps 1997 bislang 50 rechtsextremistische Vorfälle registriert. 1996 seien es zehn, 1995 fünf und im Jahr davor.33 gewesen, sagte der Kommandierende General des IV. Korps des Heeres, dessen Territorium sich auf die neuen Länder, Schleswig-Holstein und Hamburg erstreckt.

Laut Spiering gibt es aber "kein Problem Bundeswehr, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Von einem Bundeswehrproblem könnte nur dann gesprochen werden, wenn Dienstgrade, also Berufs- und Zeitsoldaten, in größerer Zahl oder Gruppenstrukturen unter den Soldaten auffällig geworden wären". Mehr als 70 Prozent der Verdächtigen seien aber Wehrpflichtige - meist in noch jugendlichem Alter - gewesen. "In der Regel geschahen die Taten auch außerhalb der Kaserne und unter Alkoholeinfluß", sagte der General. Die höhere Zahl der festgestellten Vorkommnisse sei möglicherweise auch darauf zurückzuführen, daß insgesamt stärker als bisher auf rechtsextremistische Aktivitäten geachtet und jeder Fall angezeigt werde. Ähnlich äußerte sich auch der Bundeswehrverband am Samstag im Saarländischen Rundfunk. Foto: AP

Letzte Änderung: 21.12.1997 14:44 von jp
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