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Vereitelter Massenselbstmord auf Teneriffa

War Gehirnwäsche im Spiel?


Im ersten Stock dieses Hamburger Hauses wohnt die Psychologin Heide Fittkau-Garthe, die am gestrigen Donnerstag auf Teneriffa festgenommen wurde.
Foto: AP
Hamburg (dpa) - Die Hintergründe des vereitelten Massenselbstmordes einer Sekte aus Hamburg auf der Ferieninsel Teneriffa bleiben mysteriös.

Sektenführerin Heide Fittkau-Garthe (56) und mehrere "Jünger" wurden am Freitag in der Inselhauptstadt Santa Cruz verhört, teilte ein Polizeisprecher mit. Die Anhänger der Sekte seien mit einer Art Gehirnwäsche willenlos gemacht worden. Rätselhaft blieb, wie sich die 31 Deutschen und eine Spanierin auf der Kanaren-Insel das Leben nehmen wollten.

Fittkau-Garthe vorläufig hinter Gitter

Die 56jährige promovierte Psychologin Fittkau-Garthe sitzt wegen Anstiftung zum Selbstmord als einzige im Gefängnis. Am Samstag soll der Ermittlungsrichter entscheiden, ob die Frau in Untersuchungshaft genommen wird. Unklar war auch, ob sich die aus Berlin stammende und in Hamburg lebende Sektenführerin umbringen wollte. "Das werden wir auch wohl nie von ihr erfahren", sagte ein Polizeisprecher. Die 32."Jünger" von Fittkau-Garthe mußten den örtlichen Ermittlern weiter zur Verfügung stehen.

Im Haus von Fittkau-Garthe auf Teneriffa beschlagnahmten die Fahnder zahlreiche Flüssigkeiten und Lebensmittel. Sie werden in einem Polizeilabor auf Giftspuren untersucht. Nach Angaben der Düsseldorfer Polizei sollen auch Giftdrogen mit der harmlosen Aufschrift "Diätprodukte auf Kräuterbasis" gefunden worden sein. Die Hamburger Wohnung der Sektenführerin wurde am Donnerstag abend von der Polizei durchsucht. Die Ermittler hatten vermutet, daß auch an einem zweiten Ort ein Massenselbstmord geplant war. Über Ergebnisse der Durchsuchung teilten die Behörden zunächst nichts mit.

Nachrichtensperre verhängt

Der leitende Ermittlungsrichter auf Teneriffa verhängte eine Nachrichtensperre, um Nachforschungen nicht zu behindern. Die Sekte gelte als zerschlagen. Die größtenteils aus Hamburg stammenden Mitglieder - 13 Männer, 14 Frauen und fünf Kinder, darunter zehnjährige Zwillinge - wollten sich am Donnerstag auf der Spitze des Teide, mit 3.716 Metern der höchste Berg Teneriffas und Spaniens, das Leben nehmen. Sie glaubten nach Ermittlungen der Düsseldorfer Polizei, der "Endzeittag" werde durch einen atomaren Schlag ausgelöst. Der Termin dazu sei kurzfristig vom 18. auf den 8. Januar vorgezogen worden. Vom Berggipfel sollte nach ihren Vorstellungen ein UFO die Seelen abholen.

Die Polizei griff ein, kurz bevor sich die Sektenanhänger auf den Weg machen konnten. Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden hatte die spanischen Behörden Anfang der Woche über den bevorstehenden Massenselbstmord informiert, nachdem sich ein besorgter Angehöriger eines Sektenmitgliedes an die Polizei in Düsseldorf gewandt hatte. Auch in Hamburg hatten Sektenbeauftragte der Kirche Hinweise auf einen bevorstehenden "sanften Tod" der Gruppe auf Teneriffa erhalten.

Entscheidender Hinweis aus Deutschland

Den entscheidenden Tip erhielten die spanischen Ermittler aus Deutschland. Ein 47jähriger Kaufmann habe sich am vergangenen Montag an die Düsseldorfer Polizei gewandt, nachdem er von seiner 31jährigen Nichte um Hilfe gebeten worden sei, teilte die Polizei in Düsseldorf mit. Die Nichte und ihre Mutter waren Mitglieder der Sekte. Die 31 Jahre alte Frau sei am vergangenen Sonntag von der Insel geflohen, als alles auf den geplanten Selbstmord hingewiesen habe. Ihre Mutter sei bei der Gruppe geblieben.

Die spanische Polizei war der Gruppe bereits seit Monaten auf der Spur. Die Behörden hätten ein verdächtiges Kommen und Gehen von deutschen Urlaubern bemerkt und daraufhin Kollegen in Deutschland und bei Interpol um Hilfe gebeten. Fittkau-Garthe gelte als äußerst dominant und sei in der Lage, Menschen zu manipulieren, sagte ein Polizeisprecher: "Die Anhänger stehen weiter unter ihrem Einfluß. Die meisten wollten uns nicht einmal ihren Namen oder Wohnort sagen."

"Psychologisches Trainingszentrum"

In Santa Cruz hatte die Deutsche den Angaben zufolge von einer Tante ein dreistöckiges Haus mit sechs Wohnungen geerbt. Bis auf ein spanisches Ehepaar habe sie alle Mietparteien ausbezahlt, um über deren Appartements verfügen zu können. Dort hatten die 32 Anhänger übernachtet. Gleichzeitig hatte die Frau aber auch eine Wohnung in Hamburg. Im ersten Stock der weißen Stadtvilla betrieb Fittkau-Garthe ein "Psychologisches Trainingszentrum".

Über die Sekte wissen die Fahnder nur, daß es sich "um eine der äußerst destruktiven Art" handelt. Nach Presseberichten soll Fittkau-Garthe sich "Aida" genannt haben, weil sie in einem früheren Leben vor 5.000 Jahren so geheißen habe. Ihre "Jünger" hätten sie als die "von Gott berührte" verehrt.

Abspaltung der Isis-Sekte

Spanische Experten bezeichneten die Gruppe als Abspaltung einer Sekte namens "Holistisches Zentrum Isis", benannt nach der gleichnamigen ägyptischen Göttin. Entsprechende Wandmalereien seien auch in dem Haus entdeckt worden. Möglich sei auch eine Verbindung zum berüchtigten "Sonnentempler-Orden" oder zur "Brahma-Kumaris- Sekte" hinduistischen Ursprungs.

Letzte Änderung: 09.01.1998 16:18 von ar
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