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Nagano - das
"Dach Japans"

Nagano (dpa) - Dichte Schwaden von Weihrauch steigen in die klare, kalte Luft, während im Hintergrund Schneefetzen leise von den geschwungenen Dächern des Zenkoji-Tempels rutschen. Gläubige legen die Hände zum Gebet zusammen, Priester in langen Gewändern trippeln eilig unter Lackschirmen über den matschigen Tempelvorplatz. Seit mehr als 1.300 Jahren erklingen hier die Gesänge und Trommeln der Priester, und es heißt, jeder Japaner müsse es wenigstens einmal im Leben nach Nagano geschafft haben.

Der im Herzen der Stadt gelegene Zenkoji ist eines der bedeutendsten Wallfahrtszentren Japans. Wenn in Nagano und vier anderen Orten der gleichnamigen Präfektur im Februar die Olympischen Winterspiele beginnen, dann wird der Zenkoji für Zuschauer weltweit zum Inbegriff der Spiele werden: Fernsehjournalisten werden immer wieder ihre Kameras auf die grandiose Kulisse dieses im Tal des Chikuma-Flusses gelegenen Tempels richten. Der US-Fernsehsender CBS durfte sogar auf dem Tempelgelände ein Studio aufbauen.

"Dach Japans"

Nagano, die Hauptstadt der zentraljapanischen Präfektur, liegt in einem Hochbecken 200 Kilometer südwestlich von Tokio, umgeben von Bergmassiven. Der englische Ingenieur William Gowland fühlte sich im Jahre 1878 beim Wandern an die Alpen Europas erinnert, woraufhin er den Bergen die Bezeichnung "Japanische Alpen" gab. Waren die Berge für frühere Generationen noch eine rauhe Welt mit mythischem Charakter, Sitz der Götter und Heimat der Geister Verstorbener, so sind sie heute für die Bewohner der Millionen-Metropole Tokio im Sommer wie im Winter ein beliebter Erholungsort. Zugleich sind sie Heimat vieler Pflanzen und Tiere. So sind die Berggemse und das Alpenschneehuhn offizielles Symbol der Präfektur Nagano. Daneben kommt der asiatische Schwarzbär und der japanische Steinadler vor sowie verschiedene Schmetterlingsarten. Eine besondere Attraktion sind die japanischen Affen, die der Besucher in Shiga Kogen beim Baden in den berühmten heißen Quellen beobachten kann. Untrennbar mit Nagano verbunden sind neben berühmten Äpfeln auch die sogenannten "soba", Nudeln aus Buchweizen.

Wegen seiner insgesamt 16 Dreitausender wird Nagano häufig auch das "Dach Japans" genannt. Die Präfektur gehört normalerweise zu den schneereichsten Regionen Japans, viele der Bergmassive wie die 1.500 Meter hohen Shiga-Höhen zählen zu den besten Skigebieten Japans. Doch es waren nicht die besten Voraussetzungen, durch die Nagano 1991 die Spiele gewonnen hat.

Fast alles neu gebaut

Vielmehr war es sein massiver Einsatz. Vor allem ein Name wird in diesem Zusammenhang immer wieder genannt: Yoshiaki Tsutsumi. Dem Präsidenten des japanischen Ski-Verbandes gehören die meisten Hotels und Ski-Stationen in Nagano und Umgebung. Tsutsumi ist zudem Chef der mächtigen Seibu-Gruppe und Besitzer von Eisenbahnen, Kaufhäusern, Golfplätzen und Freizeitparks und gilt als einer der reichsten Männer der Welt. Kritiker behaupten, dank seines Einflusses und seiner engen Kontakte zu IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch sei es ihm gelungen, die Spiele quasi in sein eigenes Unternehmen zu holen. Fast alles mußte in Nagano für Olympia neu gebaut werden: Vier Hallen für Eishockey, Eisschnell- und Eiskunstlauf, zwei Skischanzen und eine Kunsteisbahn für Bob und Rodeln. Auch der alte Bahnhof, eine Nachbildung des Zenkoji-Tempels, wurde abgerissen und ein neuer errichtet. Man brauchte Platz für den neuen Hokuriku-Schnellzug, der die Besucher aus Tokio in nur 90 Minuten her bringen soll.

Bürgergruppen warnen angesichts der Milliarden-Ausgaben vor einer enormen zusätzlichen Verschuldung der ohnehin rezessionsbelasteten öffentlichen Haushalte, und Naturschützer protestieren wegen drohender Umweltzerstörungen. Aus Sicht der Organisatoren soll Nagano dennoch als "umweltfreundlichste Olympiade" in die Geschichte eingehen. So werden erdgasbetriebene Fahrzeuge eingesetzt, mehrere hunderttausend Eßteller bestehen aus abbaubarer Apfelschale, und selbst die Uniformen des Olympia-Personals sind recyclebar. Was die Veranstalter der Spiele ihren Olympia-Gästen nicht zeigen werden, ist eine andere Seite Naganos: Gegen Ende des zweiten Weltkrieg ließen Ultranationale hier ein strenggeheimes Tunnelnetzwerk bauen, das als militärisches Hauptquartier und der kaiserlichen Familie als Schutz vor Luftangriffen dienen sollte. Benutzt wurde es zwar nicht, aber viele der Tausende von japanischen und koreanischen Arbeitern sollen beim Bau der Anlage unter den brutalen Arbeitsbedingungen ums Leben gekommen sein. Lars Nicolaysen

Letzte Änderung: 04.02.1998 17:40 von jp
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