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"Der Bote vom Bundestag"

. . . schaut dem närrischen Volk seit 15 Jahren aufs Maul

Mainz (dpa)- "Die Leute erwarten von mir, daß ich den Mund aufmache, mal sage, wie es wirklich ist." Seit 15 Jahren schlüpft Jürgen Dietz in der fünften Jahreszeit in die Rolle des "Boten vom Bundestag" und tut dem närrischen Volk gerne den Gefallen. "In meinen Büttenreden gehe ich an die Grenze dessen, was in der Fastnacht möglich ist", bekennt der 55jährige, der einem Millionenpublikum aus der Fernseh-Fastnachtssendung "Mainz bleibt Mainz - wie es singt und lacht" vertraut ist.

Als zweiter Tenor - dem "Sammelbecken für alle Unmusikalischen" eines Gesangsvereins - tauchte der gebürtige Mainzer schon als Jugendlicher in den karnevalistischen Trubel ein. "Da hat es sich so ergeben, in die Bütt zu steigen", berichtet er vor einem Auftritt in der Mainzer Rheingoldhalle. Damals verkündete er seine politische Prosa noch als amerikanische Freiheitsstatue, als Grimmelshausens Romanfigur Simplicissimus oder als Augsburger Kaufmann und Bankier Jakob Fugger.

Vor 15 Jahren wurde die Figur des "Boten" geboren. Dietz besuchte den Bundestag in Bonn und staunte beim Rundgang durch das hohe Haus nicht schlecht über die livrierten Diener: "Die bewegten sich so würdevoll, die mußten noch wichtiger sein als die Politiker." Er beschloß, künftig als "Bote vom Bundestag" im Karneval aus dem hohen Hause zu plaudern und den Mächtigen "ausgewogen und nicht verletzend" auf die Finger zu klopfen.

Jeder bekommt sein Fett weg

Ganz ohne Schmerzen aber geschieht das dann doch nicht. "Klar lege ich den Finger in die Wunde", betont er und wettert in der Bütt, daß "3000 Sozialwohnungen nicht gebaut werden, weil in der Nähe ein Zaunkönig gehört wurde", oder daß "unser Staat täglich tausende Mark Schulden macht und für islamische Asylanten werden Hock-Klos in den Unterkünften eingebaut". Ob die Politiker die Oppositionsbank drücken oder an den Schalthebeln der Macht sitzen - jeder bekommt sein Fett weg.

Bevor er selbst in schwarzem Frack und weißen Handschuhen vors Publikum tritt, geht der Unternehmer bonbonlutschend und die Finger ineinander verhakt ein paar Mal hinter den Kulissen auf und ab. Nein, er sei keineswegs nervös, winkt er lässig ab - und läßt sich schnell dreimal über die linke Schulter spucken. Ein letzter Griff zum Talisman, eine silberne Taschenuhr, die schon lange nicht mehr funktioniert, dann steht er im Scheinwerferlicht neben dem Bundesadler und legt los.

Pointen werden nicht getestet

Keine einzige Pointe hat er einmal versuchsweise in fröhlicher Freundesrunde auf ihre Resonanz getestet. "Der Bote vom Bundestag" vertraut auf seinen Instinkt und jahrelange Erfahrung. Für die ausgefeilten Zeilen, für die er vom Publikum "optimale Aufmerksamkeit verlangt", geht er Anfang Dezember zwei Tage und zwei Nächte lang "in Klausur".

Das Sprachrohr für den Unmut anderer Menschen zu sein und dafür noch jede Menge Beifall einzuheimsen, spornt den gelernten Kaufmann an. "Manchmal aber frage ich mich schon, wofür die ganze Plackerei gut sein soll, und überlege, ob ich nicht alles hinschmeißen soll", gesteht der närrische Idealist, der für seine Auftritte "keinen Pfennig" nimmt. Von Petra Häussermann, Foto: dpa

Letzte Änderung: 13.02.1998 16:51 von aj
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