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Fastnachtsbräuche aus der Pfalz

Mainz (dpa) - Magie und Tabus, Glauben und Aberglauben aber auch kindliche Freude und Angst prägten die alte pfälzische Dorffastnacht. "Alaf" und "Helau" waren damals Fremdworte, kein Komittee organisierte die Fastnacht, und es wurde auch kein Konfetti geworfen. Diese traditionelle Fastnacht etwa zwischen Kusel und Kaiserslautern wurde an manchen Orten noch bis vor 60 Jahren gefeiert.

"Heute scheint man selbst auf dem kleinsten Dorf die närrischen Tage nach dem Mainzer Muster zu feiern: Konfetti, Protokoller, Narhallamarsch und "Wolle mer en eroilasse'", resümiert der Pfälzer Volkskundler Helmut Seebach fast melancholisch. Doch zahlreiche Elemente der oberrheinischen Fastnacht sind Seebach zufolge trotz des Siegeszuges des rheinischen Karnevals erhalten geblieben. In seinem Buch "Fastnacht - Alte Feste in der Pfalz" hat er sie akribisch aufgelistet und ausführlich beschrieben.

Arbeitsverbot in Haus, Hof und Stall

Lange haben Volkskundler über Ursrünge der Fastnacht gestritten und nun steht fest: Die Fastnacht hat eine rein christlich geprägte Wurzel. Wie der Abend vor dem Geburtsfest Christi "Weihnacht" heißt, bezeichnet "Fastnacht" den Abend und die Nacht des Karnevalsdienstag, der dem Beginn der 40tägigen österlichen Fastenzeit vorausgeht. Die kirchlichen Fastenangebote hatten weitreichende Konsequenzen für den Alltag der Menschen ebenso wie für Bräuche. Seebach: "Die närrischen Tage hätte es ohne die vorösterliche Bußperiode nie gegeben."

"Früher an Fastnacht durfte kein Brot gebacken werden", erzählte die 1917 geborene Emma von Blohn aus Konken dem Volkskundler. "Man durfte nicht waschen, nicht bügeln, stricken, nicht schlachten, es war ein richtiger Feiertag. Würde man bügeln, würde man sein Totenhemd bügeln." Das generelle Arbeitsverbot in Haus, Hof und Stall beruhte auf dem Glauben, daß bestimmte Zeiten des Jahres den Dämonen und Geistern gehören.

Der Enthaltsamkeit gingen Schlachtfeste voraus

Die kirchlichen Fastengebote verlangten den absoluten Verzicht auf jegliches Fleisch von warmblütigen Tieren und damit zusammenhängende Produkte wie Eier, Milch, Käse, Butter und Schmalz aber auch sexuelle Enthaltsamkeit. Die Folge waren Schlachtfeste, Hochzeiten, und sexuelle Ausschweifungen in der Zeit vor Aschermittwoch. Weil Eier- und Schmalzvorräte vor Beginn der Fastenzeit noch aufgebraucht werden mußten, kamen in Fett ausgebackene Kringel, Krapfen, Küchlein und Waffeln auf den Tisch. Klassischer Backtermin war der Donnerstag vor Fastnacht, der bis heute schmutziger (der alemannische Begriff für Fett) oder schmalziger Donnerstag heißt.

Mädchenversteigerungen galten als das letzte und eindeutige Angebot an ledige Frauen, die Gunst der Stunde vor dem Aschermittwoch zu nutzen, weil danach sexuelle Enthaltsamkeit geboten war. Mit einem Rußbeutel in der Hand zog der Hansel Fingerhut durch die Straßen und schwärzte Frauen und Mädchen. Dies hat für den Volkskundler erotische Bezüge: "Das Schwärzen mit Ruß steht als Bild für sexuelle Befleckung, wie es bis heute in der Tiroler Fastnacht fortlebt."

Versteigern von Mädchen

Vor allem im Wasgau war das Versteigern von Mädchen nach den Recherchen von Seebach üblich. Angelehnt an die in dieser Pfälzer Gegend traditionelle Holzversteigerung wurden die jungen Frauen entsprechend beschrieben: "20jährige Tanne, schlank und schön gewachsen". Handelte es sich um ein vermögendes rechtschaffenes Fräulein wurde es als "ein Eichenstamm erster Klasse, ganz ohne Äste" angepriesen. Große Mädchen waren "Hopfenstangen" und Betschwestern wurden als "Holz zuhöchst auf dem Gipfel des Kirchwaldes gewachsen" charakterisiert. An der Kirchweih druften die Burschen den "erworbenen Gegenstand vor dem ersten Tanz" abholen.

"Pomphaft aufgezogener Schauzug"

Auf pfälzischem Boden fand nach dem Vorbild des rheinischen Karnevals 1839 auf Betreiben des liberal gesinnten Tabakfabrikanten Friedrich Albrecht Karcher der erste Umzug in Kaiserslautern statt. Ein Jahr später gründet ein Gutsbesitzersohn in Neustadt eine Karnevalsgesellschaft für ein geregeltes Maskentreiben. In Mannheim organisierte der Unterhaltungsverein "Räuberhöhle"im selben Jahr einen Maskenumzug. 1843 wurde in Landau zum ersten Mal offiziell für eine Fastnachtsversanstaltung geworben. Damit geriet in den größeren Städten das Fastnachtsgeschehen zu einem "pomphaft aufgezogenen Schauzug, dem der Plan eines Organisationskomittees zugrunde lag", stellt Seebach fest.

Helmut Seebach, Fastnacht - Alte Feste in der Pfalz, Annweiler- Queichhambach, Bachstelz-Verlag

Letzte Änderung: 13.02.1998 16:32 von aj
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