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MEINUNGEN

Andreas Pecht zum Tod von Ernst Jünger

Ein fragwürdiger Zeitzeuge

Seine schriftstellerische Hinterlassenschaft ist so gewaltig wie verwirrend. "Wenn es gilt, in Masse über einen einzelnen herzufallen, sind die Deutschen immer dabei; es muß nur ungefährlich sein", formuliert er 1993 in seinen Tagebüchern. 1920 hatte derselbe Mann geschrieben: "Ab und zu, beim Schein einer Leuchtkugel, sah ich Stahlhelm an Stahlhelm, Klinge an Klinge blinken und wurde von einem Gefühl der Unverletzbarkeit erfüllt. Wir konnten zermalmt, aber nicht besiegt werden."

Altersweisheit läßt Jugendsünde verzeihen - dieser Standpunkt durchweht nicht erst die Nachrufe auf Ernst Jünger. Seit Jahren zeichnet sich eine Neubewertung seines Werkes ab, seit den Feiern zu seinem 100. Geburtstag 1995 überwiegt die Heraushebung des großen Stilisten, des scharfen Beobachters und Zeitzeugen, des aristokratischen Individualisten. Der Mythos Jünger ist im Entstehen - ohne daß zuvor mit seiner Kriegs- und Helden-Ästhetik wirklich abgerechnet worden wäre.

Jüngers Menschenbild bleibt ein Problem: Der einzelne, dem sein Geschick in die Hand gegeben - noch im Roman "Der Waldgang" (1951) wird er als Heroe gefeiert, wenngleich diesmal gegen Diktatur und Zeitgeist. Für die "Schwachen" gibt es darin keinen Platz als Individuen mit gleichem Recht.

Ja, es stimmt auch, was Botho Strauß 1995 bemerkte: "Jünger hat täglich Geheimnisse entdeckt und genannt." Aber wie soll man einem "Jahrhundertautor" Respekt zollen, der nie über den Massenmord in Auschwitz gesprochen hat? Nein, Ernst Jünger gehört nicht in die deutsche Ruhmeshalle derer von Goethe bis Thomas Mann. Erst müssen die Gefahren, die von seinem Werk ausgehen (können), gebannt sein. In Jahrzehnten vielleicht, läßt sich sagen, ob es darin, von "Auserwähltheitsdünkel" (Handke) abgesehen, auch bleibend Wertvolles gibt.

Letzte Änderung: 18.02.1998 13:43 von rzop
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