IVWPixel Zählpixel

. . . Versteckte Botschaften im Schnurrbart?

Der Schnurrbart als Aushängeschild der politischen Einstellung? "Das kann man sofort sehen", sagt der Istanbuler Frisör Servet Balikci. Der 27jährige legt in seinem Laden im frommen Stadtteil Fatih eine kurze Pause ein, um die verschiedenen Typen zu erläutern: Wenn der Schnurrbart an beiden Seiten Richtung Kinn herunterragt, werde in dem Träger meist ein radikaler Nationalist erkannt. Ein dünner, besonders kurzgeschnittener Oberlippenbart mit geraden Ecken und großem Abstand zur Oberlippe weise dagegen auf eine islamistisch-fundamentalistische Gesinnung hin - ganz nach dem Vorbild des feinen Schnäuzers des langjährigen Führers der Bewegung und früheren Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan. Ein buschiger Schnurrbart Marke Stalin, der auch die Oberlippen bedeckt, sei das Erkennungszeichen vieler Alt-Linker

Der türkische Otto-Normalverbraucher ohne Leidenschaft für die eine oder andere radikale politische Ecke trägt meist einen gewissermaßen gemäßigten Schnurrbart, der auch schnitt-technisch in der Mitte liegt: nicht zu kurz und nicht zu lang, ohne Drang Richtung Kinn und mit freiliegenden Lippen. "Das ist der klassische Schnurrbart des türkischen Mannes", sagt Balikci und zeigt zufrieden auf den Gesichtsschmuck seines Frisör-Kollegen Hanefi Bolat.

In der Form eines Halbmondes frisiert

Doch nicht nur unter Schnurrbarthaaren sind Botschaften versteckt: Auch die Form eines Vollbartes kann eine Menge über die Ansichten seines Trägers aussagen. Frisör Hasim Özkurt an der nächsten Straßenecke weiß, daß viele Fundamentalisten ihre Bärte auffällig gut pflegen und in der Form eines Halbmondes frisieren lassen, der sich um Kinn und Wangen legt. Auch längere, sich stolz vom Kinn wegreckende Bärte im Stil der afghanischen Taliban weisen den besonders frommen Moslem aus, im Erscheinungsbild oft ergänzt durch eine schirmlose Mütze auf dem Hinterkopf und wallende Gewänder.

Was die Behörden von fundamentalistischen Bärten halten, zeigte sich vor kurzem an der Istanbuler Universität, als die Verwaltung Studenten mit einem solchen Bart ebenso den Zutritt verwehrte wie Studentinnen mit Kopftuch. Nach wochenlangen Protesten auch von nicht fundamentalistisch eingestellten Studenten wurde der Ukas wieder zurückgenommen.

Wachstumsschub während des Wehrdienstes

Wie auch immer die Bart- oder Schnurrbarttracht gestaltet wird - die weitaus meisten türkischen Männer entscheiden sich für irgendeine Form der Gesichtsbehaarung. "Die Türken lieben ihren Schnurrbart", sagt Barbier Özkurt. Teenager lassen den Bart oder Schnurrbart sprießen, sobald ihre Wangen den ersten Flaum hergeben. Oft folgt während des Wehrdienstes ein Wachstumsschub: Da bei der laizistischen Armee strenges Bartverbot herrscht, müssen sich die jungen Rekruten häufig rasieren, was wiederum den Bartwuchs fördert. "Bei mir war es auch so, daß er erst beim Militär gewachsen ist", sagt Bolat.

Zwischen all den kurzen, langen und mittelgroßen Gewächsen tauchen auf den türkischen Straßen auch glattrasierte Gesichter oder solche mit Drei-Tage-Gestrüpp auf. Doch eine besondere politische oder weltanschauliche Bedeutung liegt darin nach einhelliger Meinung der Experten in den Frisörläden von Fatih nicht. "Ich selbst hatte bis vor einem Monat einen sehr dicken Schnurrbart", sagt Frisör Özkurt. "Dann habe ich ihn abrasiert - es wurde mir einfach zu heiß darunter." afp

Letzte Änderung: 27.04.1998 15:01 von aj
Navigations-Seite: RZ-Online auf einen Blick Zur Homepage Nachrichten aus aller Welt Newsticker mit dpa-Kurzmeldungen Aktuelle Wetter-Vorhersage Haitzinger-Karikatur Leserbrief schreiben Zur Homepage Navigations-Seite: Alles auf einen Blick Zum Anfang dieser Seite und zu weiteren Links Leserbrief schreiben Zur Homepage