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  • "Menschliche Abgründe im Vatikan"
  • Hintergrund: Soldaten des Papstes in der Krise
  • Portrait: Vom Bauernsohn an die Spitze der Garde
  • Stichwort: Der Vatikan - das kleinste Land der Welt
  • Vatikan: Verbrechen am Papst-Chefleibwächter ist aufgeklärt

    Mord aus gekränkter Eitelkeit

    Rom - In unmittelbarer Nähe des Papstes ist der Kommandant seiner Leibgarde einem blutigen Verbrechen zum Opfer gefallen. Nur Stunden nach der Berufung an die Spitze der Schweizergarde (Bild links) wurde der 43jährige Alois Estermann zusammen mit seiner Frau erschossen.

    Der Täter ist offenbar ein 23jähriger Unteroffizier der Wachtruppe, der zuletzt die Waffe gegen sich selbst richtete. Laut Vatikan war sein Motiv Mangel an Anerkennung. Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls sagte, Tornay habe sich in der Garde zurückgesetzt gefühlt, weil er für eine geplante Auszeichnung am Mittwoch nicht vorgesehen war. Außerdem sei er wegen einer schriftlichen Kritik Estermanns wütend gewesen, der ihm vorgehalten habe, die ganze Nacht außerhalb der Kaserne verbracht zu haben.

    Estermann, der Mann an der Seite des Papstes, hier 1995 in Kenia.

    Nach Angaben des Vatikans wurden die Leichen Estermanns, seiner 49jährigen Frau Gladys und des Unteroffiziers Cedric Tornay am Montag abend gegen 21.00 Uhr von einem Nachbarn entdeckt. Die Ordonanzwaffe, mit der die Morde verübt wurden, lag unter dem Körper des Täters in der Eingangshalle zur Wohnung Estermanns. Diese befindet sich unmittelbar hinter dem St.Anna-Tor, einem der Haupteingänge zum Vatikan.

    Vatikan untersucht selbst

    Die Autopsie der Leichen fand am Dienstag morgen statt. Die Ermittlungen werden vom einzigen Untersuchungsrichter des Vatikans, Gian Luigi Marrone, geleitet. Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls sagte, der Vatikan werde seine eigene Untersuchung durchführen, ohne die Hilfe der italienischen Justiz anzufordern.

    Die Eltern und zwei Geschwister Estermanns trafen am Montag abend in Rom ein. Die Familienangehörigen kamen nach 21.00 Uhr in der Wohnung an - kurz nachdem die Bluttat entdeckt worden war. Sie wollten an einem Empfang des neuen Kommandanten und der neuen Schweizergardisten durch den Papst am Dienstag teilnehmen. Der Vatikan sagte die für Mittwoch geplante Zeremonie mit der Vereidigung von 40 neuen Mitgliedern der Schweizergarde ab.

    Kamerad zweifelt an "geistiger Umnachtung"

    Vizekorporal Tornay, der aus dem Kanton Wallis stammte, hätte seinen Dienst bei der päpstlichen Leibgarde demnächst beenden sollen. Ein ehemaliger Schweizergardist sagte der italienischen Nachrichtenagentur Ansa in Rom, er habe Tornay als völlig normalen Kollegen kennengelernt. Er könne sich schwer vorstellen, daß dieser in einem Anfall geistiger Umnachtung die Tat begangen habe.

    Der Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz, Nicolas Betticher, sagte, die Lebensbedingungen in der Kaserne seien schwierig, könnten aber sicher nicht den Ausschlag geben für eine solche Tat. Es gebe in der Schweiz derzeit Bemühungen, Geld zu sammeln, um die Kaserne der Gardisten in Rom zu renovieren. Betticher wies auch darauf hin, daß die Distanz der jungen Gardisten zur Kirche heute sicher größer sei als früher.

    Die Bluttat vom Montag war der erste Mord im Vatikan seit 150 Jahren. 1848 wurde der politische Sekretär von Papst Pius IX., Graf Pellegrino Rossi, bei den Unruhen vor der Einigung Italiens ermordet. Im vergangenen Januar war ein Angehöriger des Römer Adels und Mitglied des Protokolls im Vatikan in seiner Wohnung in Rom ermordet worden. Die Polizei sprach von einem Beziehungsdelikt im Homosexuellen-Milieu.

    Ähnliche Tat vor 39 Jahren

    Die Bluttat weckte zudem Erinnerungen an einen Mordversuch vor 39 Jahren im Kreise der Schweizergarde. Am 8. April 1959 versuchte der Schweizergardist Adolf Rucker den Kommandanten Robert Nünlist zu erschießen. Nünlist, der den Ruf eines "Scharfmachers" hatte, wurde durch einen Streifschuß am Hals und einen Hüftsteckschuß verletzt. Der Täter, der kurz zuvor vom Kommandanten entlassen worden war, versuchte sich danach selbst zu richten und erlitt Verletzungen am Hals und an der Stirn. AP; Fotos: AP, DPA

    Letzte Änderung: 06.05.1998 13:43 von jo
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