IVWPixel Zählpixel
  • Stehen ungeklärte Motive hinter der Bluttat?
  • Presse-Stimmen aus Italien
  • Berichte vom Vortag
  • Nach der Tragödie im Vatikan dauern Ermittlungen noch an:

    Erste Zweifel am Tatmotiv

    Vatikanstadt - Der Vatikan hat am Mittwoch energisch versucht, die Zweifel an seiner Darstellung der Morde im Kirchenstaat zu entkräften. Es gebe eine "moralische Gewißheit", daß es sich bei dem Verbrechen um einen "unvorhersehbaren Akt des Wahnsinns" handelte. Der 23jährige Unteroffizier der Päpstlichen Schweizergarde, Cedric Tornay, habe am Montag wegen dienstlichem Streit seinen Kommandeur Alois Estermann und dessen Frau Gladys erschossen. Die Ermittlungen dauerten aber an, sagte ein Sprecher.

    Papst Johannes Paul II. kniet im Gebet versunken vor den Särgen der drei Toten der gestrigen Vatikan-Tragödie, Alois Estermann (43), dessen Frau Gladys Meza Romero (49) und Vize-Korporal Cedric Tornay (23).
     
    Die Autopsie ergab, daß sich Tornay durch einen Schuß in den Mund umbrachte. Zuvor starb der 43jährige Estermann durch zwei Schüsse in Gesicht und Brust, seine 49jährige Frau durch einen Schuß in die Schulter. Alle drei seien auf der Stelle tot gewesen.

    Pläne für die Zeit nach der Garde

    Cedric Tornay hatte jedoch bereits konkrete Pläne, im August nach Ende seiner vertraglichen Dienstzeit in der Schweizergarde in seine Heimat zurückzukehren. Der gelernte Automechaniker habe für die Zeit nach seiner Rückkehr bereits eine Anstellung als Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes in Genf gehabt, meldete die Schweizer Zeitung "Blick". Tornay soll bereits im vergangenen Jahr versucht haben, in der Schweiz eine Stelle zu finden. Dabei habe ihn auch der Walliser Bischof Henri Salina unterstützt, hieß es weiter.

    Der römischen Zeitung "La Repubblica" sagte Muguette Tornay, die Mutter des Soldaten, ihr Sohn habe die Schweizergarde wegen der Probleme mit seinem Vorgesetzten verlassen wollen. Er sei froh gewesen, eine neue Stellung gefunden zu haben. "Wenn er etwas getan hat, dann hatte er einen gravierenden Grund", sagte sie dem "Blick". Sie habe nur Stunden vor der Bluttat mit ihrem Sohn telefoniert. Er habe dabei einen ruhigen Eindruck gemacht.


    Der mutmaßliche Täter Cedric Tornay bei seinem Treueschwur im Mai 1995.

    Emotionale Bindungen?

    Auch Vatikanexperten italienischer Zeitungen vermuteten andere Gründe für die Bluttat als einen dienstlichen Konflikt. Die römische Zeitung "Il Messaggero" schreibt, dies sei keine ausreichende Erklärung für einen Doppelmord. "La Repubblica" weist auf den Zusammenhang mit der sechsmonatigen schwierigen Suche nach einem neuen Garde-Chef hin. Wahrscheinlich sei auch, daß das ermordete Paar und Tornay emotionale oder sexuelle Bindungen hatten.

    Auch hatte der Vizekorporal am Abend vor der Tat einem Kameraden einen Brief mit der Bitte übergeben, diesen seiner Mutter zu senden, falls ihm etwas passieren sollte. Dies deute nicht auf eine Kurzschlußhandlung hin. Die Vatikanbehörden weigern sich aber bisher, den Inhalt des Abschiedsbriefes zu veröffentlichen.

    "Ein Brief erklärt das Verbrechen im Vatikan", schreibt auch Mailänder Zeitung "Il Giornale". Das Blatt zitierte einen ehemaligen Gardisten, der anklagte: "In der Schweizergarde herrscht die Besessenheit der Homosexualität". Die Römer Zeitung "Il Tempo" will sogar von einem zweiten Abschiedsbrief des Täters wissen, der sich im Besitz des Kaplans der Schweizergarde befinde. Dieser Bericht wurde bisher weder bestätigt noch dementiert.

    Neuer Ermittler

    Mit Erstaunen wurde auch die überraschende Meldung zur Kenntnis genommen, daß die Justiz des Vatikanstaates am Dienstag die Untersuchung des geheimnisvollen Doppelmordes einem neuen Richter übertragen hat. Dem vatikanischen Staatsanwalt, der ursprünglich ermittelt hatte, sei der Fall "aus Kompetenzgründen" entzogen worden, hieß es.

    Papst Johannes Paul II. sprach auch der Familie Tornays Trost zu. Dieser müsse jetzt "vor den Richterstuhl Gottes" treten. Für das ermordete Ehepaar stand am Abend eine Totenmesse im Petersdom an, für Tornay soll es am Donnerstag eine Trauerfeier in einer anderen Vatikankirche geben.

    Alter Kommandant zurück

    Der frühere Kommandant der Schweizergarde, Roland Buchs, hat nach der Ermordung seines Nachfolgers Alois Estermann wieder die Führung der Vatikanwache übernommen. DPA, AP; Fotos: Reuters, DPA

    Letzte Änderung: 06.05.1998 19:31 von jo
    Navigations-Seite: RZ-Online auf einen Blick Zur Homepage Nachrichten aus aller Welt Newsticker mit dpa-Kurzmeldungen Aktuelle Wetter-Vorhersage Haitzinger-Karikatur Leserbrief schreiben Zur Homepage Navigations-Seite: Alles auf einen Blick Zum Anfang dieser Seite und zu weiteren Links Leserbrief schreiben Zur Homepage