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Fassungslosigkeit bei nahezu allen Beteiligten

Somm spuckt auf Anklagebank

München - Mit hochrotem Kopf springt Felix Somm nach dem Urteil auf. Voller Empörung spuckt der frühere Deutschland-Chef von Compuserve auf die Anklagebank, als der Richter den Saal verlassen hat. Seine drei Verteidiger können ihn kaum bändigen.

Überraschendes Urteil mit Folgen: Zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und zur Zahlung von 100.000 Mark ist der 34jährige Schweizer soeben verurteilt worden - obwohl sogar der Staatsanwalt den Vorwurf der Verbreitung von Kinderpornographie im Internet schließlich fallengelassen hatte.

Rapider Stimmungsumschwung

Gerade war die Stimmung nach dem "Rückzieher" des Staatsanwalts noch ganz locker gewesen. "Die Staatsanwaltschaft hat mit ihrem Plädoyer einen Teil des Schadens, der durch die Anklage entstanden ist, wieder gutgemacht", lobte Verteidiger Ulrich Sieber bei seinem Plädoyer. Eine Verurteilung hielt zu diesem Zeitpunkt ohnehin kaum einer noch für möglich. Siebers Kollege Wolfgang Dingfelder bat Richter Wilhelm Hubbert um einen "Freispruch erster Klasse". Das sei man Somm schuldig, der die "öffentliche Verteufelung" mit einer "bewundernswerten Contenance" ertragen habe.

Parallele zu DDR-Mauerschützen gezogen

Als Richter Hubbert, nur zehn Minuten nach dem Plädoyer der Verteidigung, das Wort ergreift, kann Somm kaum glauben, was da um ihn herum passiert. Nervös spielt er mit dem Ring an seinem Finger, als Hubbert zu markigen Worten greift. Es gebe "falsche Vorstellungen vom Internet in den Köpfen aller Beteiligten". Wenn sich Somm darauf berufe, von den strafbaren Inhalten nichts gewußt zu haben, sei das eine "Zumutung". Den Hinweis auf die Weisungsgebundenheit Somms gegenüber der US-Mutterfirma weist Hubbert noch entschiedener zurück. Ähnlich hätten auch die DDR-Mauerschützen argumentiert.

"Religiöser Überzeugungstäter ohne Fachwissen"

Die Empörung ihres Mandanten schwappt auch auf die Verteidiger über. Während der Staatsanwalt vor den zahlreichen Fernsehkameras diplomatisch von einem "überraschenden Urteil" spricht, nennt Somms dritter Anwalt Hans-Werner Moritz sichtlich erbleicht Richter Hubbert einen "geradezu religiösen Überzeugungstäter".

Dingfelder meint, Hubbert habe "während des Verfahrens "keine Anzeichen für irgendein Fachwissen" erkennen lassen. Nach diesem "Skandal-Urteil" müßten eigentlich auch andere Dienste-Anbieter angeklagt werden, sagt der Anwalt. Die Verteidigung kündigt an, Rechtsmittel einzulegen. Axel Höpner, dpa - Foto: dpa

Letzte Änderung: 28.05.1998 15:57 von ar
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