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. . . ICE bei Tempo 200 entgleist

In zwei weiteren Waggons, die am späten Abend noch unter den Betontrümmern der Brücke begraben lagen, wurden weitere Todesopfer vermutet. Die Chancen, Menschen noch lebend zu bergen, waren noch Worten eines Mediziners vor Ort "minimal". In den Waggons der zweiten Klasse, die sich meterhoch ineinanderschoben und zu einem Trümmerknäuel zusammenpreßten, gab es die meisten Toten und Verletzten.

Zwei Schulklassen vermißt

Hannover - In den Trümmern des bei Celle verunglückten Hochgeschwindigkeitszuges wird nach Angaben des Bundesgrenz-schutzes noch nach den Kinder zweier Schulklassen gesucht. Ein BGS-Sprecher sagte, ein Zugbegleiter habe ausgesagt, daß sich in dem Zug zwei Schulklassen befunden hätten. Von diesen Kindern, deren genaue Anzahl nicht bekannt sei, sei bisher kein Kind lebend geborgen worden. "Es ist das Schlimmste zu befürchten." Ein Bahnsprecher sagte, an der Unfallstelle seien mehrere Kinderrucksäcke gefunden worden.
Die Ursache des verheerenden Unglücks war am Abend noch unklar. Technische Mängel wurden aber zunächst nicht festgestellt. Eisenbahnbundesamt, Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft nahmen die Ermittlungen auf.

Der Triebkopf des ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" hatte sich von dem Rest des Zuges gelöst. Die Waggons entgleisten. Die Lok raste noch mit hoher Geschwindigkeit durch den Escheder Bahnhof. Der Bahnhofsvorsteher stellte sofort alle Signale auf Nothalt und verhinderte damit nach Angaben eines Bahnsprechers eine noch größere Katastrophe. Der Lokführer - er erlitt nur leichte Verletzungen - spürte bei der Fahrt nur einen leichten Ruck und löste dann die Notbremsung aus. Erst danach merkte er, daß der Rest des Zuges fehlte. Der unverletzte Fahrgast Wolf-Rüdiger Schlibener sagte, er habe zwei Minuten vor dem Unglück ein unheimliches Rattern bemerkt.

Ursache rätselhaft

Ungeklärt blieb bis zum Abend, welche Rolle ein Kleintransporter der Bahn bei dem Unfall spielte. Sicher ist nach Bahnangaben, daß das Wrack des Autos unter den Trümmern des total zerstörten Zuges lag. Ob das Auto aber vor oder nach dem Entgleisen in die Tiefe stürzte blieb offen. Zunächst hatte die Polizei angegeben, der Wagen habe nach einem Unfall die Leitplanken der Straßenbrücke durchbrochen und sei auf die Schienen gestürzt. Der Zug sei dann ungebremst in das Auto gerast. Dieser Darstellung widersprach am Abend Celles Oberkreisdirektor Klaus Rathert. Die Lok des ICE sei unversehrt.


Der unbeschädigte Triebkopf des ICE 884

Die Feuerwehr war vier Minuten nach dem Unfall vor Ort. Die Schwerverletzten wurden zunächst notdürftig in Feldlazaretten versorgt und dann mit Hubschraubern und Rettungswagen in die Krankenhäuser gebracht. Geistliche betreuten Verletzte und Angehörige und segneten die Toten.

Bergungsarbeiten bis weit in die Nacht hinein

Joachim Lindenberg von der Polizei Celle sagte der ARD, ein Auto der Deutschen Bahn, das auf der Brücke stand, sei wahrscheinlich mit in die Tiefe gerissen worden, als der Zug gegen die Brücke raste. Gleisarbeiter, die sich beim Herannahen des Zuges neben die Brückenpfeiler zurückgezogen hätten, hätten keine Chance gehabt.

Die Bergung der Opfer sollte bis weit in die Nacht dauern. Alle verfügbaren Rettungskräfte waren vor Ort, auch deutsche und britische Soldaten, die Hubschrauber und eine Transall einsetzten. Die Helfer setzten Straßenkräne und Schweißgeräte ein, um die Trümmer auseinanderzuziehen und an die Opfer zu kommen. Viele Helfer mußten ausgewechselt werden, weil die seelische Belastung so stark war. Unverletzte Fahrgäste wurden am Abend mit Bussen und einem Zug nach Hamburg gebracht und von einem Krisenteam des Deutschen Roten Kreuzes betreut.

Der 410 Meter lange ICE hatte 759 Plätze und durfte auf der Ausbaustrecke Hannover - Hamburg 200 Stundenkilometer fahren. Der Zug war um 05.47 Uhr in München gestartet, um 10.33 verließ er Hannover, um 11.52 Uhr hätte er in Hamburg ankommen sollen.

Trauerbeflaggung angeordnet

Bundeskanzler Kohl brach seinen Italienbesuch ab. Bundesinnenminister Manfred Kanther ordnete für Donnerstag Trauerbeflaggung an allen Gebäuden des Bundes an. Bundespräsident Roman Herzog und Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth sprachen den Angehörigen der Todesopfer ihr Mitgefühl aus. Auch die Kirchen, der französische Staatspräsident Jacques Chirac, der britische Premierminister Tony Blair, der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und der japanische Kaiser Akihito bekundeten ihre Anteilnahme. dpa, AP, Reuters - Fotos: AP, dpa, Grafik: Reuters

Letzte Änderung: 03.06.1998 23:52 von ar
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