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Im Portrait: Martin Walser

Heimatdichter und Euro-Denker

Als "großer Dichter der kleinen Leute" wurde der Schriftsteller Martin Walser einmal bezeichnet. Der diesjährige Friedenspreisträger nannte sich einen Kleinbürger, und auch seine Protagonisten sind die kleinen Leute, die Versager, die Zukurzgekommenen in einer Überflußgesellschaft, die um sozialen Aufstieg kämpfen und doch scheitern. Die Geschichten dieser kleinen Helden beschreibt Walser nicht klagend: Seine stilistischen Mittel sind Ironie, Parodie und Satire.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist die bislang letzte einer ganzen Reihe von Auszeichnungen. Walser hat alle großen Literaturpreise erhalten, vom Hermann-Hesse- und den Gerhart- Hauptmann- über den Büchner- bis zum Schiller-Preis. Hinzu kamen Ehrungen wie der Orden pour le merite und das Große Verdienstkreuz mit Stern. "Der Friedenspreis kommt zur völlig richtigen Zeit", sagt Walsers Verleger Siegfried Unseld vom Frankfurter Suhrkamp Verlag. "Walser steht am Höhepunkt seines literarischen Schaffens."

Umfangreiches Werk aus 45 Jahren

Der 71 Jahre alte Schriftsteller gilt als einer der bedeutendsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. In den vergangenen 45 Jahren schuf er ein ebenso umfangreiches wie vielseitiges Werk, darunter 14 Romane, zahlreiche Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Aufsätze, Hörspiele und Übersetzungen. Zu seinen berühmtesten Romanen zählen "Ein fliehendes Pferd" (1978), von Kritikern als "Glanzstück deutscher Prosa" bezeichnet, "Seelenarbeit" (1979), "Das Schwanenhaus" (1980) und "Brandung" (1985).

Als einer der ersten Autoren legte er mit "Die Verteidigung der Kindheit" (1991) einen Roman vor, der in unmittelbarer Beziehung zur deutschen Wiedervereinigung steht. Bei seiner Arbeit ließ sich Walser immer wieder von seiner Heimat, dem Bodensee, inspirieren, der zum Handlungsort vieler seiner Erzählungen wurde. Noch heute lebt er dort mit seiner Frau Käthe.

Gegen den Ämterapparat und Parteienfilz

Großes Aufsehen erregte Walser mit seinem 1996 erschienenen Roman "Finks Krieg", der auf einer wahren Affäre in der hessischen Staatskanzlei basiert. Darin wird der Kampf eines geschaßten Beamten (in Wirklichkeit der SPD-Ministerialdirigent Rudolf Wirtz) gegen den Ämterapparat und Parteienfilz geschildert. Im Herbst erscheint Walsers autobiographischer Roman "Ein springender Brunnen".

Die Nähe zum Kleinbürgertum und Mittelstand kommt nicht von ungefähr: Walser selbst stammt aus einfachen Verhältnissen. Er wurde am 24. März 1927 als Gastwirtssohn in Wasserburg am Bodensee geboren. Bereits als Zehnjähriger verlor er den Vater und wurde damit schon früh "in einen gewaltigen ökonomischen Lebenskampf verwickelt, was ihm ein Gefühl für Klassen-Erniedrigungen gab", schrieb "Die Zeit".

Credo: "Übersehenen einen Sichtbarkeits-Triumph" schreiben

Walser schriftstellerisches Credo lautet: "Der Autor erschreibt den in der Wirklichkeit eher Übersehenen einen Sichtbarkeits-Triumph, der nicht mehr dem Wirklichkeitsprinzip gehorcht, sondern zum Beispiel dem der Komödie. Das ist ein kostümfreudiges, leise rächendes, Genugtuung vorgaukelndes Prinzip." Dabei gilt Walser als "Epiker der Alltagswelt", der die Befindlichkeiten der deutschen Volksseele einfängt und erzählerisch dokumentiert.

Der Autor, der nach eigener Aussage nie etwas anderes tun wollte als schreiben, ist in den vergangenen Jahrzehnten sowohl mit seinen Werken als auch mit öffentlichen Äußerungen angeeckt. In den 70er Jahren wurde ihm Nähe zur DKP nachgesagt, 1988 sorgte er mit der Äußerung für Aufsehen, sich nicht mit der deutschen Teilung abfinden zu können - plötzlich stellte man Walser in eine nationalistische Ecke. "Das ist absolut zum Kotzen", sagte der Autor und sah sich in ein falsches Licht gerückt.

Europa soll Osten "gesamtsolidarisch" aufnehmen

"Nur wer sich schreibend verändert, ist ein Schriftsteller", hat Walser einmal gesagt. Eine der wichtigsten Veränderungen in Walsers Leben und Arbeiten ist nach Einschätzung Unselds seine Entwicklung "vom Heimatdichter über den alemannischen und deutschen Schriftsteller zu einem vorbildlichen europäischen Schriftsteller und Vordenker." Es sei von Europa verlangbar, daß es Osteuropa aufnehme, und gesamtsolidarisch werde, hat Walser gefordert. Daß Rußland hinzugekommen sei, nannte er die Chance des 21. Jahrhunderts. Nicola Prietze, dpa
Letzte Änderung: 05.06.1998 14:44 von to
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