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Von der Sucht Leistungssport geheilt

Anja Fichtel-Mauritz hört auf

Jubelnde Siegerin: Anja Fichtel bei den Olympischen Spielen in Atlanta ´96

Tauberbischofsheim - Die erfolgreichste Fechterin der Welt legt endgültig das Florett aus der Hand. Anja Fichtel-Mauritz wird am Samstag in ihrer Heimatstadt Tauberbischofsheim für immer die Planche verlassen. "Es ist gut, daß ich von der Sucht Leistungssport weggekommen bin. Wenn ich sehe, wie viele alte Fechter nicht von ihrem Sport lassen können, bin ich froh, daß ich geheilt bin", sagte die Doppel-Olympiasiegerin vor der offiziellen Verabschiedung im Rahmen des Sieben-Nationen-Turniers der Degenfechterinnen.

Emil Beck lobt die große Athletin: "Anja war ein Jahrhundert-Talent." Auch Olympiasieger Alexander Pusch, der die "Kleine" als Trainer zum Olympia-Gold geführt hat, meinte anerkennend: "Anjas Stärken waren ihr goldenes Händchen und die Fähigkeit, intuitiv richtig zu reagieren."

Aus geplanter Gala wird nichts

Aus der ursprünglich geplanten Gala ist zwar nichts geworden, aber mit Hilfe von Fernsehbildern und Radioreportagen sollen die Stationen der großen Karriere der 29 Jahre alten Ausnahmefechterin noch einmal in Erinnerung gerufen werden. Anja Fichtel-Mauritz freut sich auf den Auftritt. "Es ist schön, in der Heimat Abschied zu nehmen. Auch wenn ich mich zur aktiven Zeit dort manchmal erdrückt fühlte, bin ich unheimlich gern zu Hause. Ich bin sicher, daß mich die Menschen heute in Tauber mit anderen Augen sehen, daß sie merken, daß ich ein Mensch und keine Maschine bin und daß ich sehr viel Herz habe", stellt die Wahl-Wienerin fest.

"Seoul war der absolute Höhepunkt meiner Karriere"

Seit 1985 hatte der Superstar des Fechtens 17mal nacheinander an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen teilgenommen. 1986 und 1990 war sie Weltmeisterin, 1988 Olympiasiegerin. "Seoul war der absolute Höhepunkt meiner Karriere. Auch mein erster WM-Titel als 17jährige war ein unheimliches Erlebnis. Ich Kleine hatte es bei den Großen geschafft. Und ich habe die Erfolge später oft bestätigt, das hat mich dann schon stolz gemacht", erinnert sie sich an die Glanzlichter ihrer sportlichen Laufbahn. Auch den Masters-Sieg 1995 und die Bronzemedaille bei der EM 1996 habe sie, damals dann als ältere Fechterin, sehr genossen.

Mehr Zeit für Sohn Laurin (6, Foto) und Tochter Chiara (1) hat sie nun. So wie beim Urlaub auf Fuerteventura.

Natürlich fehlt ihr der Rummel etwas. "Ich habe es geliebt, im Blickpunkt zu stehen", gibt sie zu. Aber inzwischen hat sie sich anders orientiert. Heute sind die Kinder Laurin (6) und Chiara (1) ihr Mittelpunkt. An Fechten ist da nicht mehr zu denken. Und: "Durch die Familie bin ich viel weicher geworden, das ist schlecht für meinen Sport. Außerdem hat man als Mutter den Kopf nicht mehr so frei wie früher." Heute müsse sie immer für die Familie da sein und ihrem Mann Merten, der eine Werbeagentur betreibt, den Rücken frei halten. "Das ist gar nicht so leicht. Ich hätte es mir nicht so anstrengend vorgestellt", betont sie.

Mit Disziplin Stoffwechselkrankheit bekämpft

Doch Anja Fichtel ist eine Kämpferin. Gestärkt ist die deutsche Rekordmeisterin auch aus dem wichtigsten Duell ihres Lebens hervorgegangen. Vor eineinhalb Jahren war festgestellt worden, daß Anja Fichtel-Mauritz an Zöliakie leidet, einer genetisch bedingten Fehlfunktion im Darm, die nicht heilbar ist. Obwohl die Fechterin deshalb dauerhaft Diät halten muß und keine Getreideprodukte und Süßigkeiten essen darf, kann sie heute mit der Stoffwechselkrankheit leben. "Was ich wollte, habe ich geschafft, weil ich mich gut unter Kontrolle hatte und sehr diszipliniert war. Dies war auch bei der Krankheit so. Es geht mir wieder gut", sagt sie, und nennt ihr neues Motto: "Die Hauptsache ist jetzt, mein Leben zu genießen."

Die vielen Duelle, die Höhen, aber auch die Tiefen, haben Anja Fichtel-Mauritz als Mensch geprägt. "Auch wenn es im Moment tragisch ist, wenn man völlig down ist und resignieren will, kommt dann dieser Wendepunkt, an dem man sich sagt: Und jetzt erst recht! Dann krempelt man die Ärmel hoch. Und das wichtigste ist, zu spüren, daß man sich nur selber wieder rausziehen kann. Das gilt nicht nur fürs Fechten, sondern fürs ganze Leben."

"Alleine hätte ich nie diese Spitzenleistung gebracht"

In der Stunde des Abschieds vergißt die "Grande Dame" des Fechtens auch ihre Wegfährtinnen Sabine Bau und Zita Funkenhauser nicht, die mit ihr gemeinsam in Seoul auf dem Treppchen standen. "Wenn nur ich allein gut gewesen wäre, dann hätte ich wahrscheinlich nie diese absoluten Spitzenleistungen gebracht. Ich wäre viel früher zufrieden gewesen. Dadurch, daß Sabine und Zita auch immer vorne waren und um den Sieg mitgefochten haben, haben wir uns gegegenseitig noch mehr raufgeschaukelt und motiviert", nennt Anja Fichtel-Mauritz einen wichtigen Grund für ihre Erfolge. Von Wolf Günthner, dpa - Fotos: dpa
Letzte Änderung: 09.06.1998 18:26 von jp
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