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Nach dem Unglück von Eschede:

"Neue Sicherheit" für die Bahn

Hamburg - Die Hochgeschwindigkeitszüge haben die Bahn zwar in ein neues Zeitalter katapultiert, doch das Unglück im verschlafenen kleinen Heideort Eschede hat empfindlich am Sicherheitsbonus des Unternehmens geknabbert. Die dadurch ausgelöste Diskussion über neue Sicherheitsstandards nannte ein Wissenschaftler des Instituts für Eisenbahnbau und -betrieb an der Universität Hannover am Dienstag sinnvoll, nötig und technisch machbar.


Mit einem Meßbügel mißt Klaus Wirtz bei der VSG Verkehrstechnik Bochum den Radumfang eines Radreifens, der beim ICE der ersten Generation verwendet wird. Rechts deneben steht ein komplett montiertes Rad.

"Die Frage ist jedoch, was ist die Gesellschaft gewillt, sich zu leisten", schränkte er ein. Das vom Maschinenbaumeister Gottfried Birkl bereits 1995 vorgeschlagene elektronische Radüberwachungssystem sei nicht ganz einfach zu verwirklichen, aber technisch machbar.

Vorschlag galt Diesellok-Rädern

Birkl, der jahrelang im Bahn-Instandsetzungswerk Mühldorf beschäftigt war, hatte den Verbesserungsvorschlag zwar für eine Diesellok eingereicht, meinte jedoch im bayerischen Kirchdorf auf Anfrage, es sei bei den bauähnlichen ICE-Rädern ebenso zu verwirklichen. Es reichten zwei Kontakte an Rad und Radreifen. "Bei der heutigen Technik kann ich auch den Einwand nicht gelten lassen, daß dieses System durch Öl- oder Wasserflecken gestört werden kann", sagte Birkl, der 1996 nach eigenen Angaben entlassen worden ist, weil er nach einem Autounfall zu viele Krankentage gehabt habe. Der Verbesserungsvorschlag war mit dem Hinweis auf zu hohe Kosten und technischen Probleme bei der Umsetzung abgelehnt worden.

Bahn will Ablehnung nachprüfen

Bahn-Chef Johannes Ludewig kündigte in Frankfurt an, die Verantwortlichen für die Ablehnung des Birkl-Verbesserungsvorschlags würden jetzt nach den Gründen befragt. Das System der Radreifen sei bisher als "sehr sicher" eingeschätzt worden, so daß ein Kontrollsystem dafür als nicht notwendig erachtet worden sei. Der Experte des hannoverschen Universitäts-Instituts sagte, die Radreifen seien fast so alt wie die Räder selbst. Es sei 150 Jahre gut gegangen. Es müsse allerdings gefragt werden, ob es noch einmal 150 Jahre dauern solle, bis eine technische Neuerung eingeführt werde. Er begrüßte den Vorschlag der Bahnführung, als Konsequenz aus dem Unglück von Eschede die Radreifen der ICE-Züge künftig in regelmäßigen Intervallen einer Ultraschalluntersuchung zu unterziehen. "Am wichtigsten ist es, jetzt schnell und gründlich den Grund für das Unglück herauszufinden und diesen schnell abzustellen", fügte er hinzu.

Risiko-Analyse bei Streckenführungen

Professor Jörn Pachl vom Institut für Eisenbahnwesen und Verkehrssicherheit der Technischen Universität Braunschweig attestierte der Bahn eine hohe Sicherheit. Das Risiko eines Unglücks sei auf der Scheine 25 bis 30 mal geringer als im Straßenverkehr. Angesichts der rasanten Geschwindigkeiten der neuen Züge sei es aber unumgänglich, am Fahrweg baulich etwas zu verbessern. Dazu zählte Pachl vor allem andere Brückenkonstruktionen. Auch müsse der Abstand der Brückenpfeiler zu den Schienen größer werden. Schließlich sollte die Zahl der Weichen registriert werden. So wäre der ICE in Eschede möglicherweise nicht entgleist, wenn die Abstand zum Brückenpfeiler größer gewesen wäre. Der Zug hätte auf dem Schotter auslaufen können, die Energie wäre auf Dauer verpufft. Pachl empfahl eine Risiko-Analyse bei den bestehenden Streckenführungen.

Privatisierung mit negativen Folgen

An die Verantwortung der Bahn für mehr Sicherheit auf ihren Schienenwagen hatte kurz nach dem Unglück in Eschede auch der Landkreis Cochem-Zell erinnert. In seinem Bereich liegt der vier Kilometer lange Kaiser-Wilhelm-Tunnel zwischen Cochem und Ediger-Eller. Zu Zeiten der alten Bundesbahn hatte diese mit den örtlichen Trägern der Gefahrenabwehr eine Hilfevereinbarung abgeschlossen. Nach der Privatisierung der Bahn hatte die Bahn AG die Hilfevereinbarung gekündigt und geltend gemacht, daß die Gefahrenabwehr in der Zuständigkeit der kommunalen Träger für den Brandschutz und der Allgemeinen Hilfe liege. "Die Bahn hat als Monopolist aber eine besondere Veranwortung für die Sicherheit ihrer Fahrgäste", sagte dazu ein Sprecher des Landkreises am Dienstag in Cochem. Rüdiger Frank, AFP; Foto: dpa
Letzte Änderung: 09.06.1998 17:41 von jo
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