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. . . Weilheim und die Walpurgisnacht

Die Initiatorin und Prinzipalin des 1988 gegründeten Weilheimer Theatersommers, Cordula Trantow, sieht sich seit der Premiere des "Faust" vor zehn Tagen derart heftiger Kritik ausgesetzt, daß sie jetzt das Handtuch warf. Die gebürtige Berlinerin fühlt sich an eine Hexenjagd erinnert ("fehlt nur noch, daß der Scheiterhaufen aufgestellt wird") und hat angekündigt, die Leitung des renommierten und weit über Weilheim hinaus bekannten Festivals abzugeben.

"So eine Sauerei"

Im Mittelpunkt der Kritik steht die Walpurgisnacht-Szene. Als sich Hexe und Teufel bei der Premiere auf der Bühne tänzerisch in mehreren Stellungen vergnügten, stand Anne-Marie Rawe, die Frau des Weilheimer Bürgermeisters Klaus Rawe, mit den Worten "So eine Sauerei" auf und verließ den Raum, nicht ohne die Tür mit einem lauten Knall ins Schloß zu schlagen. Der CSU-Rathauschef blieb und überreichte Regisseurin Trantow am Ende einen Blumenstrauß.

Leserbrief-Krieg

Nicht zuletzt durch die theatralisch inszenierte Reaktion der Bürgermeistersgattin angefacht, tobt seitdem in den Weilheimer Zeitungen der Leserbrief-Krieg: Die einen sprechen von deutlicher Verletzung des guten Geschmacks, die anderen von künstlerischer Freiheit, die es zu verteidigen gelte. Die Gegner der Inszenierung von Cordula Trantow führen vor allem ins Felde, daß bei der Premiere kleine Kinder auf der Bühne standen, die aus nächster Nähe zusahen, wie Hexe und Teufel es im Tanz miteinander treiben.

Die 1960 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnete Schauspielerin zog aus der Premieren-Kritik Kosequenzen und läßt seitdem die Kinder nicht mehr mitspielen. Rathauschef Rawe ist der Wirbel um Weilheims Walpurgisnacht äußerst unangenehm. "Ich bin mit Frau Trantow durch alle Höhen und Tiefen dieses Festivals gegangen. Der Stadtrat und ich wollen nicht, daß der Theatersommer wegen dieser Auseinandersetzung stirbt." Immerhin läßt sich die Stadt das Festival jedes Jahr an die 150.000 Mark kosten. Freilich findet auch Rawe in der "sehr deftigen" Darstellung der Walpurgnisnacht den "guten Geschmack deutlich verletzt". Die heftige Reaktion seiner Frau kann er daher "gut verstehen".

Kein Körperkontakt

Trantow holte in der vergangenen zehn Jahren so klangvolle Schauspielernamen wie Senta Berger, Michael Degen, Cornelia Froboess oder Marianne Sägebrecht auf die Bühne des Weilheimer Theatersommers. Die 55jährige fühlt ihre Inszenierung der Walpurgisnacht völlig fehlinterpretiert. "Es ist ein Tanz mit sexueller Symbolik. Dabei findet nicht ein einziger körperlicher Kontakt statt."

Rückendeckung erhält sie derweil von Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair. Der CSU-Politiker und Vorsitzende des erzkatholischen Tuntenhausener (sic!) Männervereins sagte: "Ich habe den Mut und das Engagement von Frau Trantow stets sehr bewundert. Umso mehr bedauere ich, daß jetzt ein kulturelles Glanzlicht der Region erlischt."

Von Paul Winterer (dpa)
Gešndert am 21.Juli.1998 14:47 von aj
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